Text & Content
11,232 words

Über mich

Die Fähigkeit, Dinge zu sehen die andere nicht wahrnehmen, ist die größte Kunst der Fotografie. die Schönheit dieses Planeten abzubilden und für die Nachwelt festzuhalten.

Ich bin in einfachen Verhältnissen in Leon, Nicaragua geboren. Als Kind hatte ich keinen Zugang zu Kunst und kaum Möglichkeiten mich kreativ auszudrücken. Aus dieser Zeit existieren so gut wie keine Fotos, ich habe nur die Bilder in meinem Kopf.

2007 kam ich über ein Soziales freiwilliges Jahr nach Deutschland, hier habe ich mir mit dem Kauf meiner Ersten Kamera einen großen Wunschtraum erfüllt.
Eigentlich studierte ich Pharmazie in Nicaragua, aber leider konnte ich mit meinem Studium in Deutschland nichts anfangen. daher musste ich andere Wege für mich finden und mich neu definieren.

Es dauerte eine Weile bis ich von bloßen Schnappschüssen und der Dokumentation meiner Umgebung dazu kam die Fotografie als kreative Ausdrucksform und Kunst für mich zu entdecken. Ausschlaggebend war dabei unter anderem der Tod einer guten Freundin, nach dem mir erst die Bedeutung, der Fotos, die ich von ihr gemacht hatte, deutlich wurde.

Seit dem versuche ich immer die Geschichte, die Emotion und den Kontext hinter jedem Bild mit zu erfassen und mehr als nur das offensichtliche zu zeigen.

Ich habe meine Kamera stets bei mir, um besondere Momente einfangen zu können. Dabei Beschränke ich mich nicht auf ein Genre, wobei mich die Dokumentation von menschen in ihrem Alltag, Ungeschönt und echt, besonders reizt. Musik spielt eine große rolle in meinem leben und ich verbinde diese mit meiner Fotografie indem ich versuche die Leidenschaft der Musik optisch darzustellen.

Bei der Nachbearbeitung lasse ich meiner Kreativität freien lauf und bringe gesehenes häufig in einen neuen Kontext.

Zwischendurch einfach mal Danke sagen

"Hey, you really look like @connectr! Are you Connect-R?" 🤩

Unser Fotograf @normanulloa hat uns im September letzten Jahres auf einem Bildungsurlaub begleitet und es ist ihm in nur einer Woche gelungen eine sehr umfangreiche Dokumentation von fast allen Angeboten der Asociaţia româno-germană Alsterdorf zu erstellen. Seine Neugierde, sein hohes Arbeitstempo und die überragende Qualität der Fotos zeichnen nun unseren Kanal aus. Danke!

Dabei hat er viele Einblicke in die Lebessituation unserer KlientInnen in Oradea und Cadea bekommen. Wie auf diesen Fotos in einem unserer Frauen-Appartementes zu sehen ist, auch gemeinsam viel Spaß gehabt.

Das Coronavirus hat einfach alles auf den Kopf gestellt, so ist eine Verwendung der Fotos bei einer Ausstellung im Rahmen des 30jährigen Jubiläums im November nicht möglich, da die Feierlichkeiten auf ein noch nicht festgelegtes Datum verschoben wurden. Alles Weitere muss neu geplant werden, wir bleiben am Ball...

Filme

  • Die Kinder von Cighid (05.05.2013)

Die Bilder, die der SPIEGEL und SPIEGEL TV im März 1990 aus dem Waisenhaus Cighid in Rumänien zeigen, gehen um die Welt: Mehr als hundert überwiegend behinderte Kinder leben dort verwahrlost in klirrender Kälte. 20 Jahre später besuchen die Autoren das Kinderheim noch einmal.

Spiegel.de

  • Im Kinderlager von Cighid (22.02.2010)

Es ist das Ende der Zivilisation, das Spiegel TV Anfang der 90er Jahre in Rumänien entdeckt. Der Bericht über das Kinderheim von Cighid, in dem geistig behinderte Kinder und Waisenkinder unter unerträglichen Umständen vor sich hin vegetieren, schockiert die westliche Welt.

Spiegel.de

Zeitungsartikel

  • Nacht der Zivilisation (Ariane Barth)
    Der Spiegel 13/1990
    Spiegel.de
    PDF

  • „Warum sollen wir schuld sein?“ (Ariane Barth)
    Der Spiegel 23.04.1990
    Spiegel.de
    PDF

  • 20 Jahre Rumänienhilfe Alsterdorf (Michael Wunder)
    Dr. med. Mabuse Nr. 75, Dezember 1991
    "Rumänienhilfe - Entwicklungshilfe mitten in Europa?"

  • Protokoll des Grauens (Johann Grolle)
    Der Spiegel 17.02.2014
    Spiegel.de
    PDF

  • Aufbruch ins Leben (Thilo Thielke)
    Der Spiegel 17.12.2011
    Die Bilder aus dem Heim in Cighid schockierten 1990 die Welt. Viele Kinder waren zum Sterben verurteilt, doch sie haben überlebt. Nun sind sie erwachsen geworden.
    Spiegel.de
    PDF

  • Der Spiegel - Hausmitteilung - Betr.: Rumänien
    Der Spiegel 17.12.2011
    Spiegel.de
    PDF

  • Rückkehr nach Cighid (Thilo Thielke)
    Der Spiegel 16.12.2011
    Ausgehungert, verwahrlost, weggeschlossen: 1990 deckten Berichte die erschütternden Zustände im rumänischen Kinderheim Cighid auf, das in Wahrheit ein Sterbelager war. Eine Welle der Hilfsbereitschaft rettete den meisten Opfern das Leben. Thilo Thielke hat den Ort nach 21 Jahren wieder besucht.
    Spiegel.de

  • Kampf ums Jagdschloss (Thilo Thielke)
    Der Spiegel 21.12.2002
    Nach schockierenden Berichten über Kinderelend wurde das Waisenhaus von Cighid zum Musterheim. Jetzt droht dem Projekt das Ende.
    Spiegel.de
    PDF

  • Festakt im Horrorschloß (Thilo Thielke)
    Der Spiegel 06.07.1998
    Die Kinder von Cighid sind groß geworden. Ein Modellprojekt ist acht Jahre nach dem Ende ihres Martyriums am Ort des Grauens entstanden - finanziert mit Spenden aus Deutschland.
    Spiegel.de
    PDF

  • Der Spiegel - Hausmitteilung - Betr.: Cighid
    Der Spiegel 27.03.1995
    Spiegel.de
    PDF

  • KASPAR HAUSERS GESCHWISTER (Ariane Barth)
    Der Spiegel 27.03.1995
    Spiegel.de
    PDF

  • Hausmitteilung Betr.: Cighid-Hilfe
    Der Spiegel 31.12.1990
    Spiegel.de
    PDF

  • Im Zwinger
    Der Spiegel 09.04.1990
    Die todgeweihten Kinder von Cighid haben Hilfe erhalten. Aber noch immer werden weitere Opfer abgeschoben.
    Spiegel.de
    PDF

  • „Wir fühlen uns wie in Äthiopien“ (Peter Schille)
    Der Spiegel 29.01.1990
    Spiegel.de
    PDF

Leitbild Asociaţia româno-germană Alsterdorf

Die Asociaţia româno-germană Alsterdorf vertritt ein humanistisches Bild vom Menschen. Der Mensch hat, weil er ein Mensch ist, Menschenwürde.
Die Menschenwürde gilt unabhängig von Geschlecht, Alter, Nationalität und Religion, aber auch unabhängig von der jeweiligen Leistung, dem Gesundheitszustand, der Kommunikationsfähigkeit und dem Grad der Hilfe- und Pflegebedürftigkeit.

In diesem Sinne sind alle Menschen gleich vor dem Gesetz und haben die gleichen Grundrechte auf Freiheit, Selbstbestimmung und Teilhabe an der Gesellschaft. Die Menschen sind aber auch verschieden und individuell vom jeweils Anderen. Die Beachtung dieser Unterschiedlichkeit und Vielfältigkeit des Menschen ist für die Asociaţia româno-germană Alsterdorf wesentlicher Bestandteil der humanistischen Überzeugung.

In Anerkennung dieser Unterschiedlichkeit und im Respekt vor der Vielgestaltigkeit der Menschen sieht es die Asociaţia româno-germană Alsterdorf als ihre Aufgabe an, Menschen mit Behinderung in ihrem Grundrecht auf Selbstbestimmung zu fördern, ihnen die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen und ihnen die dafür notwendige Unterstützung und Assistenz anzubieten.

Newsletter Archiv

Januar 2020 2020 ist ein besonderes Jahr

April 2020 Das Coronavirus hat uns fest im Griff

Newsletter der Rumänienhilfe Alsterdorf

Der Newsletter informiert alle zwei bis drei Monate über Neuigkeiten rund um den Verein Asociaţia româno-germană Alsterdorf in Oradea und Umgebung, die Arbeit des Beirates in Hamburg und über weitere interessante Hintergrundinfos und Aktionen durch Ehrenamtliche und Freunde.

Hier anmelden

Fotografen

Thomas Liehr

Norman Ulloa

Aktuelle Fotos von Norman Ulloa bei Instagram: @rumaenienhilfe_alsterdorf
Danke

Fachliche und konzeptionelle Grundsatzfragen zur Behindertenarbeit in Mittel- und Osteuropa

Dr. Michael Wunder
Tagung der Initiative Pskow und der Robert-Bosch-Stiftung
Arbeit in Mittel- und Osteuropa für Menschen mit Behinderungen
15.06.2004 in Friedewald / Westerwald

Am 04. Mai 2004 hat Amnesty International ein aufsehenerregendes Memorandum an die rumänische Regierung zur stationären Behandlung in psychiatrischen Einrichtungen vorgelegt. Anlass waren die von NGO’s über Jahre vorgebrachten Kritiken an der psychiatrischen Versorgung in Rumänien. Im November 2003 und im Februar 2004 erhielt ein Vertreter von Amnesty International die Erlaubnis 6 rumänische psychiatrische Kliniken zu besuchen. Eine breite Öffentlichkeit erfuhr der im Mai vorgelegte Bericht durch die im Februar 2004 bekannt gewordenen 18 Todesfällen von Patienten, die in dem psychiatrischen Krankenhaus von Poiana Mare im Winter 2004 in Folge von Unterernährung und Unterkühlung starben.

Wesentliche Kritikpunkte des Berichtes von Amnesty International sind:

  • viele Menschen, die strafrechtlich nicht auffällig geworden sind, werden gegen ihren Willen und ohne dass entsprechende medizinische Gründe vorliegen, psychiatrisch behandelt1
  • völlig unakzeptable Lebensbedingungen auf den Stationen der Krankenhäuser (mangelnde Hygiene, Überbelegung, Heizprobleme, Mangelernährung).
  • mangelnde medizinische Betreuung (diese betrifft sowohl die psychiatrische Medikation, wie auch dien Behandlung von körperlichen Krankheiten)
  • Mischung von geistig Behinderten und psychisch Kranken, Mischung von Wehrlosen und Gewalttätigen, so dass das Stationsmilieu durch Angst und Gewalttätigkeit untereinander gekennzeichnet ist
  • Langzeitverwahrung allein aus dem Grund, dass geeignete Anschlusseinrichtungen in den Gemeinden fehlen (Sozialdienste).
  • Einsetzen von Fixierungs- und Isolierungspraktiken als Bestrafungsinstrumente
  • Mangel an Tagesstrukturierung, sinnvoller Beschäftigung und Arbeitsmöglichkeiten für Patienten.

Zweierlei ist festzustellen:

  1. Alle Kritikpunkte, die Amnesty International in diesem Bericht auflistet, sind den in den Einrichtungen arbeitenden NGO’s seit 15 Jahren bekannt und Grundlage vielfältiger Auseinandersetzungen mit den rumänischen Behörden. „In den letzten 15 Jahren haben augfeinenaderfolgende rumänische Regierungen den Ernst der Situation in den psychiatrischen Einrichtungen nie eingestanden und keine umfassenden wirksamen Reformen durchgeführt“, fasst Amnesty International dies zusammen. Dem ist nichts hinzuzufügen.

  2. In einer Situation, in der Rumänien im Bereich der Kinderheime durchaus Fortschritte erzielt und aus den internationalen Schlagzeilen verschwunden ist, weist der Bericht von Amnesty International in aller Deutlichkeit darauf hin, dass die Situation in den Heimen und Anstalten für behinderte und psychisch kranke Erwachsene keinesfalls humanisiert ist, ja dass die Reform im Kinderbereich gar keinen Sinn macht, wenn im Erwachsenenbereich, in dem all die Kinder notgedrungen landen werden, die nach der Förderung in Kinderhäusern und Pflegefamilien kein selbständiges Leben in der Gesellschaft führen können, keine Änderungen erfolgen.

Die Frage ist damit aufgeworfen, ob es sich lediglich um Missstände handelt, die im Rahmen allgemeiner gesamtgesellschaftlicher Bemühungen noch nicht gelöst worden sind oder um Symptome einer Gesellschaft, die sich noch nicht von ihrer Vergangenheit gelöst hat und den Behinderten und psychisch Kranken weiterhin Voraussetzungen eines Lebens in der Gesellschaft vorenthält und damit ihren frühzeitigen Tod billigend in Kauf nimmt.

Kehren wir in das Jahr 1990 zurück. Nach dem Sturz Ceausescus 1989 bot sich uns wie fast allen anderen Hilfsorganisationen, die aus Deutschland, Dänemark, England, Schweden, den Niederlanden, Frankreich und vielen anderen Ländern nach Rumänien kamen, ein ähnliches Bild: Kinderheime, in denen Waisenkinder mit und ohne Behinderung unter unmenschlichsten Umständen dahinvegetierten, hohe Sterblichkeit (in der Regel 25% bis 30% im Jahr), demotiviertes Personal und hektische, aufgeregte und inkompetente Reaktionen der übergeordneten Behörden.

Die ersten Schritte der Hilfsorganisationen waren äußerst mühsam, oft auch insuffizient, insbesondere weil die meisten von uns ohne entwicklungspolitisches know-how anfingen, was auch heißt: ohne klares Rollenverständnis und ohne strategisch durchdachtes Konzept. Am Anfang stand bei unserem Hilfeprojekt ein überschwängliches Helferbewusstsein ohne wirklich konzeptionelle Überlegung, wie ein System im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe motiviert werden könnte, sich selber aus dem Sumpf zu ziehen. Erst langsam griffen „entwicklungspolitische Tugenden“, wie beispielweise der Versuch, das Gastland und die Missstände in dem Gastland zu verstehen, das Prinzip der Langsamkeit zu beachten und die innere Vorwurfshaltung zu hinterfragen und zu kontrollieren.

Das Ceausescu-Regime hatte die Mehr-Kinder-Familie aus nationalpolitischen Interessen propagiert, gleichzeitig ein Abtreibungsverbot und damit faktisch den Gebärzwang durchgesetzt. Die hohe Rate von verlassenen Kindern (die höchste bis Mitte der 90er Jahre in ganz Osteuropa),ein überfordertes Sozialsystem und völlig überfüllte Kinderheime waren die Folge. Hinzu kam einer selektive Diagnostik, die strikt zwischen förderfähigen und der nicht förderfähigen Kindern im Alter von 3 Jahren entschied und damit die Gruppe der „irecuperabil“ – Kinder produzierte, die in trostlose Abschiebeorte kamen und dort mehr oder weniger sich selber und damit dem Sterben überlassen wurden.

Wem war der Vorwurf zu machen? Der Mutter, die nach der Entbindung klammheimlich ihr Kind in der Entbindungsklinik verlässt? Oder dem politischen System, dass so viel Armut, Perspektivlosigkeit und Verzweiflung produziert, dass das Verlassen eines Neugeborenen entgegen einer ansonsten in allen Kulturen vorhandenen grundsätzlichen menschlichen Intuition ein Massenphänomen wurde?

Wem war der Vorwurf zu machen angesichts der ungeheuerlichen Zustände in den Todesheimen, aber genauso in den anschließenden Heimen und psychiatrischen Anstalten für Erwachsene? Den demotivierten, teils apathischen, teils aggressiven Pflegern? Oder dem politischen System, dass durch Mittelentzug Menschen zu dem machte, was dem ideologischen Zerrbild von „Unheilbaren“ dann auch nahe kam, Unbrauchbare, deren menschlichen Antlitz nur noch schwer erkennbar war?

Die Fragen sind nicht alt. Noch heute ist beispielsweise die Zahl der verlassenen Neugeborenen allein in der Region, in der wir arbeiten (640.000 Einwohner) 10-12 im Monat. Und noch heute sind die meisten psychiatrischen Anstalten durch eine gravierende materielle Unterversorgung, demotiviertes Personal und eine persönliche, wie auch öffentliche Gleichgültigkeit gegenüber allen Menschen, die einmal in diese Einrichtungen geraten sind, gekennzeichnet.

Die Antworten sind deshalb auch nicht leicht. Sie können sich weder im Verweis auf die stalinistische Vergangenheit erschöpfen, noch auf die Haltlosigkeit vieler Einzelnen. Die Gründe für die lange Nachwirkung des alten Systems mögen daran liegen, dass der Bruch nicht wirklich vollzogen wurde, dass die neue Armut nach der Wende von 1989/90 das Fortbestehen des alten Denkens begünstigt hat und/oder daran, dass ein so grundsätzlicher Wertewandel, wie er zu Anerkennung Behinderter und psychisch Kranker als gleichwertige Mitbürger notwendig ist, einfach länger braucht, zumindest einen vollständigen Generationenwechsel. Die Zustände in den Langzeitpsychiatrien, die der Amnesty International Bericht mit Recht anklagt, würde ich deshalb ebenso wie die nach wie vor exorbitant hohe Rate der verlassenen Neugeborenen als traurigen Fortbestand der alten Verhältnisse verstehen, wenn gleich im Gegensatz zu früher einer schrittweise Veränderung heute möglich erscheint. Keinesfalls haben wir aber das moralische Recht der Anklage. Unmenschliche Verhältnisse in Psychiatrien und Heimen gab es bei uns bis weit in der 70er Jahre und vielleicht gibt es solche auch heute manchmal wieder.

Bemerkenswert ist, dass eben dieses so gescholtene System in Rumänien durchaus wandlungsfähig ist. Eine neue Generation von Machern, die pragmatisch auf den Stand Europas kommen will, sind am Werke. Beschlossen ist, bis 2007 alle Kinderheime aufzulösen und durch Vermittlung in Pflegefamilien und den Aufbau von Familienhäusern in den Dörfern und Städten zu ersetzen.

Dieser radikale Plan kam durch den Druck der EU zustande, die Beitrittsverhandlungen nur weiterzuführen, wenn die Situation in den Kinderheimen verbessert würde. Aber unabhängig davon, ob dieser Plan letztlich durch äußeren Druck zustande kam und im übrigen im wesentlichen durch EU-Gelder finanziert wird, ist er als radikal und in besonderer Weise mutig und zukunftsweisend zu bezeichnen. Insbesondere, weil er nicht behinderte und behinderte, auch schwerbehinderte Kinder in gleicher Weise umfasst und die Möglichkeiten der kommunalen Verantwortungsübernahme in maximaler Weise nutzt.

Zwei Bedenken an diesem für die Entwicklung des Sozialsystems in Rumänien derzeit wichtigsten Reformvorhaben müssen hier aber geäußert werden:

  1. Die Deinstitutionalisierung der Kinderheime bedeutet bisher keineswegs den gleichzeitigen Aufbau von Beschulungs- und Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder. Das umgebende Schulsystem ist nach wie vor konservativ und integrationsfeindlich. Leichter geistig behinderte Kinder erhalten Plätze in den Sonderschulen. Schwerer behinderte Kinder haben zwar formal ein Recht auf Beschulung, dieses wird aber nicht eingelöst. Integration behinderter Kinder in Regelschulklassen ist so gut wie ausgeschlossen. Der Aufbau von Sonderklassen in Regelschulen, der die erste Stufe eine schulischen Integration darstellen könnte, ist nur in weinigen Modellbeispielen, die durch westliche NGO’s initiiert worden sind, realisiert. Als Ersatzstruktur werden derzeit Tagesförderstätten für behinderte Kinder aufgebaut: eine neue Sonderstruktur, die Schule durch Therapie ersetzt.

  2. Die Unterbringung in Pflegefamilien und Familienhäusern unterliegt bisher keiner wirksamen Qualitätskontrolle. Im Grunde genommen herrscht die Mentalität „wir sind froh, wenn jemand die Kinder aus dem Kinderheim nimmt und wir die Vorgaben der EU erfüllen“. Was dann tatsächlich mit den Kindern passiert, wie ihre Förderung organisiert ist, ihre familiale Integration und ihre gesundheitliche Versorgung, obliegt dann keiner wirksamen stattlichen Anleitung und Kontrolle mehr.

Nicht vergessen werden darf die unbeabsichtigte Nebenwirkung des EU-geförderten Programms zum Aufbau neuer Strukturen im Bereich der Kinderversorgung: das Nicht-Hinschauen auf die Situation der über 18jährigen, die 18 - Plus - Problematik. Die großen Heime und Anstalten sind bisher von den enormen Aufbruchstimmungen im Kinderbereich gänzlich abgeschnitten. Das Programm der Tagsstätten endet mit 18 Jahren. Betreute Wohnformen außerhalb der Anstalten für Erwachsene gibt es nur hart erkämpft von NGOs und völlig vereinzelt, Arbeitmöglichkeiten nur, wenn die ehemaligen Patienten Listungen im Normalbereich vorweisen.

Die einzige nennenswerte Reform in diesem Bereich in den letzten Jahren war die aus den westlichen Ländern abgeschaute Teilung der psychiatrischen Großeinrichtungen in sogenannte Akutkrankenhäuser (Behandlung bis zu 3 Monaten) und Medizinisch Soziale Zentren (in Deutschland früher Heilpädagogische Zentren), die aber entgegen ihrem Titel eher trostlosen Verwahranstalten gleichen, als pädagogisch und rehabilitativ orientierten Übergangseinrichtungen für ein Leben in der Gemeinde.

Die Brisanz der Situation besteht nicht nur darin, dass sich faktisch seit 15 Jahren nichts Wesentliches verändert hat, sondern auch darin, dass die begonnene Reform im Bereich der Kinderheime bisher an der Schallgrenze von 18 Jahren – in Ausnahmefällen bis 27 Jahren (aber nur in Verbindung mit einer Schulmaßnahme) – endet. Die Ideologie ist nach wie vor, dass die Kinder bis dahin ein selbstständiges Leben in der Gesellschaft schaffen müssen oder in das System der Anstaltsverwahrung zurückkehren müssen.

Vor diesem Hintergrund ist die Veränderung in den psychiatrischen Anstalten längst nicht mehr als fachliches Psychiatriethema zu verstehen, sondern als ein wesentlicher Teil der Lösung der „sozialen Frage“. Was ist zu tun, oder besser: was können westliche Organisationen in dieser Situation so gestalten, dass das rumänische System nachhaltig zur Eigenaktivität angehalten wird und die begonnene radikale Reform der Auflösung der Kinderheime nicht mit 18 Jahren in die alten Strukturen der Ausgrenzung und Verwahrung zurückfällt?

Vor dem Hintergrund des Berichts von Amnesty International und unseren Erfahrungen seit nunmehr 14 Jahren ergeben sich mehrere Stufen:

1.
Angesichts von Unterernährung, Unterkühlung, mangelnder Hygiene und Massenverwahrung muss an vielen Orten als erster Schritt eine Direkthilfeerfolgen. Diese besteht außer in baulichen Sanierungen sicherlich in ersten Umstrukturierungen und Umorganisationen: mehr Raum, mehr Personal, mehr Hygiene. Dieser erste Schritt ist nicht nur sehr aufwändig und teuer, sondern auch mühsam, weil es selbstverständlich das prinzipielle Gegenargument einiger rumänischer Partner und der Mitarbeiter in den Einrichtungen selbst gibt, warum hier so viele Mittel hereinfließen, während beispielweise die Dörfer ,in denen die Mitarbeiter aus diesen psychiatrischen Anstalten leben, verfallen.

Diesem nachvollziehbaren Einwand kann man immer nur entgegnen, dass die an den Rand gedrängten Großanstalten nun mal in den ländlichen und unterentwickelten Regionen liegen, dort aber schon jetzt und erst recht im sanierten Zustand auch die Funktion eines großen Arbeitgebers haben, der eine gewisse wirtschaftliche Stabilität in die Region bringt. Dies war im übrigen aus meiner Erfahrung ein wesentliches Argument in unseren Reformbemühungen im Großkrankenhaus Nucet. Dieses ist heute nach der Reform der Hauptarbeitgeber der Stadt und die Dorfbewohner betrachten es mit Recht als ihren „Goldesel“ auf dem Hügel vor dem Dorf, was ihnen sicherlich die Integration der Patienten erleichtert hat.

Eine schwierige Klippe bei dieser ersten Sanierungsphase ist, die Sanierung so anzulegen, dass damit nicht konservative und ausgrenzende Anstaltsstrukturen zementiert werden. Die Kunst dieser Entwicklungshilfearbeit besteht darin, den zweiten und dritten Schritt der notwendigen Strukturreform sofort mitzudenken und Anstalten, die dezentral liegen nur insoweit baulich zu sanieren, wie sie als zukünftige Teilanstalt in einem weitgehend dezentralisierten und kommunal integrierten System noch eine Rolle spielen können und sollten. Ich weiß, dass ich damit einen heiklen Punkt anspreche, weil die meisten Partner auf der osteuropäischen Seite bisher noch nicht bereit sind, in dieser Perspektive zu denken.

2.
Nach meiner Erfahrung ist deshalb als nächster Schritt die Stufe der Professionalisierung notwendig. Auch wenn unter Ceausescu und nachfolgend in den 90er Jahren, die in der Psychiatrie weitgehend durch ein Beschweigen der Vergangenheit und eine lähmende Perspektivlosigkeit gekennzeichnet sind, keinerlei Rückbesinnung auf die ethischen Grundlagen des eigenen Berufsstandes und der Aufgaben der Psychiatrie stattgefunden haben, so ist doch davon auszugehen, dass Krankenschwestern und Ärzte der Psychiatrie eine solche Ethik, zumindest ein Selbstverständnis ihrer Arbeit haben. Nach unseren Erfahrungen kann man das meist demotivierte, häufig verzweifelte Personal gerade an diesem Punkt packen, an dem man danach fragt, warum sie diesen Beruf und keinen anderen Beruf ergriffen haben. Warum sie sich dazu entschieden haben, anderen Menschen zu helfen, denen es schlechter, noch schlechter als ihnen selbst geht. Man kann sie daran erinnern, dass sie in ihren Ausbildungen, die zweifellos medizinisiert, mechanisiert und nach unseren Maßstäben völlig unzureichend waren, doch mit diesen Grundsatzfragen in irgendeiner Form in Berührung gekommen sind. Und letztlich kann man sie an ihrer ursprünglichen menschlichen Seite packen, wie sie mit ihren eigenen Kindern oder mit ihren eigenen Großeltern oder Anverwandten in der Familie umgehen.

Ich will nicht leugnen, dass auch Motivationsfaktoren, wie das Versprechen von Deutschlandreisen oder durch die Hilfsorganisationen gezahlten Zusatzgehälter notwendig sind. Die Erfahrung sagt aber, dass der tatsächliche Motivationsschub des Personals durch eine Mischung aus Fachfortbildung zu Themen wie Krankheitsunterscheidungen, Pflegetechniken, Tagesstrukturierungen und ethisch orientierter Grundlagenfortbildung zu Themen wie Normalisierung, Menschenbild, Berufsverständnis und Integration zustande kommt.

3.
Strukturelle Änderungen innerhalb der Einrichtungen müssen folgen. Hierzu gehören

  • die innere Differenzierung der Großeinrichtung, weil die meisten Einrichtungen geistig Behinderte und psychisch Kranke und Junge und Alte wahllos mischen; die Folge ist nicht nur die völlige Überforderung des Personals, sondern ein Milieu, in dem sich nur die stärksten Patienten durchsetzen; innere Differenzierungen hilft die Profile einzelner Häuser zu schärfen, verschiedener Milieus und Behandlungskonzepte zu etablieren und die Identifikation es Personals mit der Arbeit zu erhöhen
  • die Beachtung der individuellen sozialen Grundbedürfnisse der Patienten: jeder Mensch braucht neben der Befriedigung der Grundbedürfnisse eine Privatsphäre, eigene Kleidung, eigene Gegenstände, einen eigenen Tagesablauf usw. und
  • der Aufbau von Beschäftigungs- und Arbeitstherapien, was nicht nur eine materielle Investition bedeutet, sondern eine langwierige Suche nach geeigneten Personen, meist Handwerkern, die dann mit Hilfe der NGOs zusätzlich trainiert werden müssen, da es bis heute keine Ergotherapeuten als ausgebildete Berufsgruppe gibt.

All dies sind teilweise jahrelange Prozesse, die nicht durch wochenweise eingeflogene Fortbildner aus Westeuropa zu bewältigen sind, sondern meist nur durch eine mehrere Jahre durchgehaltene, direkte Mitarbeit deutscher Fachkollegen in den Kliniken selbst.

4.
Erst nach diesen Stufen der inneren Verbesserungen der Großeinrichtungen und der langsamen Heranführung des Personals und der Patienten an neue Standards kann nach unseren bisherigen Erfahrungen eine vierte Stufe der Entwicklung realisiert werden: die Herausführung der Patienten aus der Psychiatrie und die Auflösung der Anstalten als Institutionen. Das Ziel ist, den grundrechtlichen Anspruch des Einzelnen auf bestmögliche gesellschaftliche Teilhabe und Entwicklungsmöglichkeit zu verwirklichen. Dieser Ansatz, der auf dem Normalisierungsprinzip beruht und heute bei uns in Form von Inklusion und Teilhabeanspruch diskutiert wird, besagt im Wesentlichen, dass ein psychisch kranker oder geistig behinderter Mensch in erster Reihe ein Bürger des Staates und ein Mitmensch ist. Er benötigt in einer Krise spezialisierte medizinische oder psychologische Hilfen, im wesentlichen baucht er aber Hilfen sozialer und pädagogischer Art.

Vor diesem Hintergrund ist die strukturelle Trennung der großen Anstalten in kleine akutpsychiatrische Behandlungseinheiten und größere sozial-medizinische Zentren durchaus ein erster richtiger Schritt. Ohne Vorbereitung und fachliche Begleitung droht er aber zum reinen Türschildwechsel zu werden. Die Chance, dass all diese Menschen, die jetzt nicht mehr Krankenhauspatienten sind, in einer pädagogisch orientierten, sozial strukturierten Umgebung trainieren können, wieder in die Gesellschaft zurückzukommen, ist damit noch längst nicht eingelöst.

Hier muss die strukturelle Hilfe von NGO’s ansetzen. In den Medizinisch-Sozialen Zentren müssen ansetzend an bisherigen inneren Differenzierungen, Tagesstrukturierungen und Möglichkeiten der Beschäftigung- und Arbeitstherapie bis hin zu Werkstätten die individuellen Bedürfnisse der Bewohner dieser Zentren in den Mittelpunkt gerückt werden. Ein wichtiges Mittel hierfür ist die individuelle Hilfeplanung für jeden einzelnen Bewohner: welche Unterstützung braucht er, um selbstständiger zu werden. Welche Perspektive ergibt sich für ihn, aus der Einrichtung herauszukommen. Es bedarf deshalb dringend des Aufbaus sozialer Beratungsdienste in den Kliniken und sozial-medizinischen Zentren, der Vernetzung dieser Beratungsdienste mit den entsprechenden Stellen in den Rathäusern und Kreisverwaltungen.

Vor diesem Hintergrund ist die strukturelle Trennung der großen Anstalten in kleine akutpsychiatrische Behandlungseinheiten und größere sozial-medizinische Zentren durchaus ein erster richtiger Schritt. Ohne Vorbereitung und fachliche Begleitung droht er aber zum reinen Türschildwechsel zu werden. Die Chance, dass all diese Menschen, die jetzt nicht mehr Krankenhauspatienten sind, in einer pädagogisch orientierten, sozial strukturierten Umgebung trainieren können, wieder in die Gesellschaft zurückzukommen, ist damit noch längst nicht eingelöst.

Hier muss die strukturelle Hilfe von NGO’s ansetzen. In den Medizinisch-Sozialen Zentren müssen ansetzend an bisherigen inneren Differenzierungen, Tagesstrukturierungen und Möglichkeiten der Beschäftigung- und Arbeitstherapie bis hin zu Werkstätten die individuellen Bedürfnisse der Bewohner dieser Zentren in den Mittelpunkt gerückt werden. Ein wichtiges Mittel hierfür ist die individuelle Hilfeplanung für jeden einzelnen Bewohner: welche Unterstützung braucht er, um selbstständiger zu werden. Welche Perspektive ergibt sich für ihn, aus der Einrichtung herauszukommen. Es bedarf deshalb dringend des Aufbaus sozialer Beratungsdienste in den Kliniken und sozial-medizinischen Zentren, der Vernetzung dieser Beratungsdienste mit den entsprechenden Stellen in den Rathäusern und Kreisverwaltungen.

Eine Fülle von Bedürfnissen in den Bereichen Wohnen und Arbeiten ergeben sich. Anschlusseinrichtungen in der Gemeinde fehlen aber fast vollständig. Deshalb bedarf es dringend des Aufbaus von Wohnmöglichkeiten in den Gemeinden, von Tagesstätten und von Arbeitsmöglichkeiten.

Sowohl das Programm der Kinderheimauflösung wie die bisher nicht in Angriff genommene überfällige Reform der Psychiatrischen Anstalten sind damit angewiesen auf den Aufbau von Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten für die Expatienten aus den Großeinrichtungen, aber auch für die über 18 Jährigen aus den Kinderheimen und auch aus den Familienhäusern.

Hierin sehen wir derzeit auch unseren Schwerpunkt. Wir beabsichtigen – möglichst mit der Unterstützung der Robert Bosch Stiftung - in den nächsten 5 Jahren modellhaft in der Region Bihor in Westrumänien unser bisheriges Programm des Aufbaus der Kinderhäuser und unserer Strukturhilfe in dem psychiatrischen Großkrankenhaus Nucet sinnvoll in Projekte des betreuten Wohnens und der Arbeitsassistenz zu überführen.

Der Grundgedanke ist dieser: unabhängig davon, aus welchem Grund ein Mensch in das Verwahrsystem der Kinderheime oder Erwachsenenpsychiatrie gelangt ist (es ist also unwichtig, ob er ehemals als psychisch krank, geistig behindert oder lediglich als Sozialfall abgestempelt wurde) soll jeder Mensch, auch wenn er als schwerst behindert oder schwer integrierbar gilt, eine Möglichkeit bekommen, außerhalb der Anstalten zunächst in einem betreuten Wohnhaus (mit Diensten rund um die Uhr), später in normalen Wohnungen mit stundenweiser ambulanter Betreuung durch die für Rumänien völlig neue Berufsgruppe der Wohnassistenten ein möglichst selbständiges Leben zu führen.

Gleichzeitig sollen die bereits in Rumänien bestehenden Möglichkeiten der Berufsausbildung genutzt werden und die Integration auf dem Arbeitsmarkt erfolgen. Ein System von Werkstätten für Behinderte fehlt in Rumänien weitgehend. Früher gab es solche Werkstätten, die aber aus wirtschaftlichen Gründen Anfang der 90er Jahre fast alle geschlossen wurden. Vielleicht ist dieser Umstand aber auch positiv zu bewerten, und es gelingt, aus der Not eine Tugend zu machen. Man könnte diese Situation auch als Chance verstehen, auf den teuren Umweg eines sogenannten dritten Arbeitsmarktes (Sozialhilfefinanzierte Sonderarbeitssysteme wie WfB’s) zu verzichten und Stufe für Stufe die Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt durch ein System der Arbeitsassistenz ergänzt durch den Aufbau integrativer Betriebe zu versuchen. Arbeitsassistenten sind wie Wohnassistenten für Rumänien völlig neu. Ihre Aufgabe ist aber so einleuchtend, dass wir in allen Vordiskussionen bisher nur Zustimmung erhalten haben. Arbeitsassistenten haben die Unternehmer einer Region zu motivieren, Arbeitsplätze (meist Nischen-Arbeitsplätze, z.B. für Botengänge, Hilfsarbeiten beim Sortieren, Kopieren, Verpacken) zu schaffen, Menschen mit Behinderungen, die sie persönlich kennen, darauf zu vermitteln und sie in der Startzeit, bei Bedarf auch länger, an diesem Arbeitsplatz einzuarbeiten, zu begleiten und zu betreuen.

Unterstützend für dieses Modell könnte die Tatsache sein, dass in Rumänien, dem westlichen Vorbild folgend, die sog. Ausgleichsabgabe (Freikaufen von Betrieben, die nicht bereit sind, Menschen mit Behinderung einzustellen) eingeführt ist und es ein Lohnsubventionierungssystem für die Einstellung von Menschen mit Behinderung gibt, so dass sich die Sache für die Unternehmer lohnt. Erschwerend könnte allerdings sein, dass eine zunehmende Arbeitslosigkeit dazu führt, dass auch Arbeitnehmer ohne Behinderung bereit sind, auf Nischen-Arbeitsplätzen zu den Bedingungen des Mindestlohnes zu arbeiten.

Das Programm „Wohnen und Arbeiten 18 plus“ ist eine große Herausforderung für die rumänische Seite, nicht nur weil Neuland betreten wird, sondern auch weil bisher keine gesetzliche Grundlage für eine sichere Finanzierung der laufenden Ausgaben durch den rumänischen Staat existiert. Unser Vorhaben wird nach langen Verhandlungen als freiwillige Zusatzleistung des Kreises Bihor finanziert. Hinzu kommt, dass es kein Subsidiaritätsprinzip, was das Einspringen nicht-staatlicher Organisationen als Träger für kleine Einrichtungen in den Gemeinden und Städten ermöglichen würde. Dennoch haben wir die Hoffnung, dass dieses Konzept greifen könnte. Immerhin ist die Kinderhausidee, die anfänglich auch als fast undurchführbar betrachtet wurde, in kurzer Zeit zum Erfolgsschlager in Rumänien geworden.

Was könnte den rumänischen Staat überzeugen? Die Großeinrichtungen sind teuer. Dies ist eine internationale Erfahrung. Sie sind darüber hinaus ein Ort ständiger administrativer Ärgernisse, internationaler Kritik oder nationaler Skandale. Auch diese Punkte könnten die Administration in Rumänien für ein Programm des Aufbaus von Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten in den Gemeinden und die Auflösung der Anstalten einnehmen. Ein entscheidender Anstoß müsste allerdings aus Brüssel kommen. Daran ist zu arbeiten.

Das Programm „Wohnen und Arbeiten 18 plus“ ist eine große Herausforderung für die rumänische Seite, nicht nur weil Neuland betreten wird, sondern auch weil bisher keine gesetzliche Grundlage für eine sichere Finanzierung der laufenden Ausgaben durch den rumänischen Staat existiert. Unser Vorhaben wird nach langen Verhandlungen als freiwillige Zusatzleistung des Kreises Bihor finanziert. Hinzu kommt, dass es kein Subsidiaritätsprinzip, was das Einspringen nicht-staatlicher Organisationen als Träger für kleine Einrichtungen in den Gemeinden und Städten ermöglichen würde. Dennoch haben wir die Hoffnung, dass dieses Konzept greifen könnte. Immerhin ist die Kinderhausidee, die anfänglich auch als fast undurchführbar betrachtet wurde, in kurzer Zeit zum Erfolgsschlager in Rumänien geworden.

Was könnte den rumänischen Staat überzeugen? Die Großeinrichtungen sind teuer. Dies ist eine internationale Erfahrung. Sie sind darüber hinaus ein Ort ständiger administrativer Ärgernisse, internationaler Kritik oder nationaler Skandale. Auch diese Punkte könnten die Administration in Rumänien für ein Programm des Aufbaus von Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten in den Gemeinden und die Auflösung der Anstalten einnehmen. Ein entscheidender Anstoß müsste allerdings aus Brüssel kommen. Daran ist zu arbeiten.

Ich komme zu meinen Schlussfolgerungen:

Um die gefährliche und perspektivlose Spaltung in einen reformierten Bereich der Kinderversorgung und einen gesellschaftlich vergessenen Bereich der Anstaltsverwahrung Erwachsener zu verhindern, bedarf es eines Programms der Direkthilfe, der Umstrukturierung und der Professionalisierung des Personals in den großen Anstalten und eines strukturellen Programms zum Aufbau von kommunalen Strukturen des integrierten und betreuten Wohnens und der Integration auf dem Arbeitsmarkt. Für beides ist die professionelle und kontinuierliche Hilfe westlicher NGO’s dringend erforderlich.

Ich bin schon des öfteren gefragt worden, ob denn die Reform der Psychiatrie und der Behindertenhilfe wirklich das wichtigste in Rumänien oder überhaupt in Osteuropa sei. Eine Antwort kann aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Gesamtsituation in Rumänien, wie in anderen osteuropäischen Ländern, natürlich kein uneingeschränktes Ja sein. Begründungen wie das Eintreten für Humanität und christliche Werte, für die Beachtung der Menschenrechte, für Gerechtigkeit und damit auch für die Vorbereitung der Integration in die EU sind wichtige Antworten.

Ich habe aber noch eine andere: die Pisa-Studie hatte ein interessantes Nebenergebnis. Länder, wie Italien und Dänemark, in denen es eine Integration behinderter Schüler in die Regelschule gibt, haben deutlich besser abgeschnitten, als Deutschland, das nach wie vor eine fast flächendeckende Segregation in Regel- und Sonderschulen aufweist. Eine Schlussfolgerung aus diesem Befund ist die, dass die Integration von Menschen mit abweichendem Verhalten, mit herausforderndem Verhalten, mit Behinderung, kurz von Menschen, die es uns zunächst einmal schwer machen und deren Verhalten nicht von vornherein in die Normen des Systems passt, für ein Bildungs- oder Sozialsystem eine große Herausforderung darstellt, aber offensichtlich Energien aktiviert, so dass das Gesamtergebnis des Systems verbessert wird. Lehrer, die in einer Regelklasse auch einige Schüler mit Behinderung zu beschulen haben, müssen sich in weitaus kreativerem Maße anstrengen, ihren Unterricht zu strukturieren und zu differenzieren, als Lehrer ohne diese Herausforderung. Ganz offensichtlich aktiviert dies Kräfte und führt nicht nur bei den Anbietern, den Lehrern, sondern auch bei den Nutzern, den Schülern, zu besseren Ergebnissen.

Ich halte dies für eine ausgesprochene Ermutigung und würde stets betonen, dass die Integration der bisher marginalisierten Psychiatriepatienten und Menschen mit Behinderung aus den Heimen und Anstalten in einer Gesellschaft nicht nur den moralischen Standard, sondern auch die Kreativität und damit die Leistungsfähigkeit insgesamt erhöht.

Dieser Gedanke könnte ein tragender Gedanke eines nicht nur humanitär argumentierenden Entwicklungshilfekonzeptes für den Bereich der Behindertenhilfe in Osteuropa sein.

Quelle: PDF

Reiseführer Oradea

Seit vielen Jahren engagiere ich mich im Beirat der Rumänienhilfe Alsterdorf und reise jedes Jahr im Rahmen des inklusiven Bildungsurlaubes nach Oradea. Für die Teilnehmer der Reisen stelle ich jedes Mal eine Mappe zusammen, die alle wichtigen Informationen über die Rumänienhilfe Alsterdorf und den Verein Asociaţia româno-germană Alsterdorf enthält.

Der "Reiseführer Oradea" ist ein Non-Profit Projekt, alle diese Informationen in einem Buch zusammenzufassen.


Der geschichtliche Hintergrund des Ceausescu Regimes und die daraus resultierende Motivation der Freiwilligen, sich in diese unmenschlichen Bedingungen zu begeben, spielen ebenso eine Rolle wie der Werdegang und damit einhergehender Erfolg dieser Unternehmung.

Unterwegs geschehen unsagbar tragische Ereignisse und unglaubliche Glücksmomente.

30 Jahre unermüdlicher Arbeit sind aktuell bedroht wie nie zuvor...

Teilprojekte 1990 - 2020

1990 – 1993
Mitarbeit im Kinderheim Cighid durch Freiwillige und den Einsatz von zwei deutschen Mitarbeitern vor Ort zur Durchführung von Ausbildungskursen (Spendenmittel aus der Kampagne SPIEGEL/DGSP).

1991 – 1992
Mitarbeit im Altenheim Ciutelec, Beratung der Heimleitung zur Umstrukturierung des Hauses (Spendenmittel aus der Kampagne SPIEGEL/DGSP)

1993 – 1999
Soforthilfe und anschließende Umstrukturierung im Psychiatrischen Krankenhaus Nucet: Personal- und Organisationsentwicklung, Gebäudesanierung, Aufbau der Ergotherapie und Aufbau eines Rehabilitationshauses außerhalb der Anstalt (Fördermittel von EZE, DWEKD und BMZ, anschließend PHARE-Programm EU, ab hier: Spendenmittel der Rumänienhilfe Alsterdorf)

1994 – 1996 Aufbau eines Dienstes für ambulante Pflege und Familienhilfe in Oradea - Sozialstation (Fördermittel PHARE-Programm EU, Spendenmittel)

1997 – 1999
Aufbau eines Tageszentrums für psychisch Kranke in der Trägerschaft des Angehörigenverbandes von Oradea (Fördermittel PHARE-Programm EU plus Spendenmittel)

2001 – 2002
Aufbau von zwei Häusern für Kinder und Jugendliche mit Behinderung in Oradea (Fördermittel von Aktion Mensch, Preisgeld des Osteuropapreises der Robert-Bosch-Stiftung)

2003
Austauschprojekt Einsatz junger Freiwilliger in der humanitären Hilfe für Menschen mit Behinderung in Einrichtungen in Deutschland und in Rumänien (Fördermittel der Robert Bosch Stiftung)

2004
Personalqualifizierung und Umstrukturierung im Psychiatrischen Krankenhaus Nucet und Vorbereitung von Auszügen aus der Institution (Fördermittel von Aktion Mensch plus Spendenmittel)

2004 – 2009
Aufbau von Wohn- und Arbeitsassistenz für erwachsene Behinderte in Bihor: Einrichtung von Wohngruppen, Aufbau von Arbeitsassistenz (Fördermittel der Robert Bosch Stiftung plus Spendenmittel)

2005 – 2007
Ausbildungskurs zum Rehabilitationspädagogen mit ergotherapeutischen Schwerpunkt in Nucet und Oradea (Fördermittel der Robert Bosch Stiftung)

2008
Übersetzung des Lehrbuchs „Pädagogik in der Heilerziehungspflege“ von Theodor Thesing und Michael Vogt (Fördermittel der Robert Bosch Stiftung)

2009
Übersetzung der Arbeitsmaterialien KuKuK der Hamburger Arbeitsassistenz zur Erweiterung der beruflichen Handlungskompetenz von Menschen mit Lernschwierigkeiten (Fördermittel von Aktion Mensch plus Spendenmittel)

2008 – 2012
Qualifizierung rumänischer Führungskräfte/Stipendiatsförderung (Fördermittel der Robert Bosch Stiftung)

2009 – 2012
Aufbau eines Netzes von Wohn- und Arbeitsprojekten für Menschen mit Behinderung außerhalb der Großinstitutionen, subsidiäre Übernahme der Assistenz-Dienste in den Häusern und Wohnungen ab 2011 (71 Wohnplätze, 208 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung) (Fördermittel der Robert Bosch Stiftung plus Spendenmittel)

2009 – 2013
Übersetzung von Arbeitsmaterialien und Fachbüchern für die Fortbildungsarbeit vor Ort, derzeit Übersetzung von „Irren ist menschlich" von Klaus Dörner et al. (Fördermittel der Robert Bosch Stiftung)

2014 – 2015
Qualifizierung zum Alltagsbegleiter (Fördermittel von Aktion Mensch plus Spendenmittel)

2014 – 2016 Übernahme eines Wohnheims für Menschen mit Behinderung in Bihor; Rumänien - 50 Wohnplätze - (Fördermittel von Aktion Mensch plus Spendenmittel) 2015 – 2018 Aufbau eines Netzwerkes ambulanter Betreuung von Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung in Oradea (gefördert von der Velux-Stiftung, Dänemark)

2017 – 2019
Aufbau sozialräumlicher Arbeitsangebote für Menschen mit Behinderung aus dem Heim Cadea/Werkstatt- und Kulturhaus Cadea (Fördermittel von Aktion Mensch plus Spendenmittel)

2018 – 2020
Aufbau eines psychosozialen Treffpunktes für Menschen aus dem Quartier Oradea-Iosia (Fördermittel von Aktion Mensch plus Spendenmittel)

Quelle: PDF

Bildungsurlaub

Leben mit Behinderung Hamburg organisiert in Kooperation mit dem Verein Asociaţia româno-germană Alsterdorf in Oradea und der Rumänienhilfe der Evangelischen Stiftung Alsterdorf anerkannte Bildungsurlaube in Oradea, im Nordwesten Rumäniens. Menschen mit und ohne Behinderung reisen gemeinsam, um ein realistisches Bild von der Lebenssituation der Menschen zubekommen und Menschen mit Behinderung kennenzulernen.

Die Rumänienhilfe ist seit fast 30 Jahren in Oradea und dem Landkreis Bihor aktiv, um die Lebensbedingungen und die Arbeitssituation von Menschen mit Behinderung zu verbessern. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Leben mit Behinderung und des Vereins in Oradea machen das Programm, begleiten die Bildungsreisen und können alle Fragen beantworten. In Oradea begleitet uns unsere Dolmetscherin Ana-Maria David.

Das Programm des einwöchigen Bildungsurlaubes variiert von Jahr zu Jahr.

Im Mittelpunkt steht immer, die Lebenssituation in Bezug auf Arbeit, Freizeit und Bildung von Menschen mit Behinderung kennenzulernen. Die soziale, wirtschafliche und historische Realität in Oradea vergleichen wir mit der Situation in Deutschlad.

Wir lernen unterschiedliche Wohnformen kennen, besuchen Arbeitsplätze und machen uns mit Freizeitangeboten vertraut. Wir kommen mit den BewohnerInnen einer Psychiatrie ins Gespräch und lassen uns von den BewohnerInnen einer Großeinrichtung das Leben auf dem Land zeigen. Wir lassen uns durch die Stadt Oradea führen und entdecken die kulturellen Angebote der Stadt. Am letzten Tag treffen wir VertreterInnen aus der Sozialbehörde, die uns viele Fragen beantworten können.

Die Besenbinderei

Auch die traditionelle Besenwerkstatt in Cadea musste durch die aktuelle Coronavirus Pandemie ihren Betrieb einstellen. Aufträge und Bestellungen können nicht ausgeführt werden und somit fehlen Einnahmen für die Großeinrichtung Cadea, in der 50 Menschen mit Behinderung leben und arbeiten.⁠⠀
⁠⠀
Allerdings gibt es noch Restbestände in Hamburg. ⁠⠀
Nutze jetzt die Zeit um deinen Garten oder Balkon hübsch zu machen und tue dabei Gutes für Menschen mit Behinderung in Rumänien.⁠⠀
⁠⠀
Für 12€ bringen unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen einen Besen innerhalb von Hamburg bis an die Haustür. Natürlich auch Kontaktlos.⁠⠀
Ein Versand innerhalb Deutschlands ist ebenfalls möglich, hinzu kommen Versandkosten.⁠⠀
⁠⠀
Schreibe eine E-Mail an info at rumaenienhilfe-alsterdorf.org

Das Coronavirus hat uns fest im Griff

Liebe Freundinnen und Freunde der Rumänienhilfe Alsterdorf,

erstmal schicken wir ein goßes Dankeschön an das Team in Oradea für den großen Einsatz, den Betrieb in der Krise entsprechend zu organisieren und dabei alle vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen einzuhalten. Wir wissen, das ist schwere Arbeit. Wir hoffen ihr hört unseren Beifall aus Deutschland, der allen Mitarbeiter*innen in Oradea, Cadea und Săcueni gilt!

Wir hoffen, dass es allen Beteiligten persönlich so weit gut geht, wie es einem eben derzeit gut gehen kann. Denn die Lage ist ernst, insbesondere auf finanzieller Seite. Nicht nur die Einnahmen aus den Produktverkäufen gehen gegen Null, sondern auch die Entscheidungen über Fördermittel wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Besonders bedrohlich ist die Tatsache, dass das (wie im letzten Newsletter bereits beschrieben) im November 2018 beschlossene Gesetz zur Anpassung der Erstattungen im Bereich der Wohnversorgung von Menschen mit Behinderung noch nicht in die Tat umgesetzt wurde. Nach wie vor muss die Differenz zwischen den Gehaltskosten und übrigen gestiegenen Ausgaben und den zu geringen staatlichen Erstattungen vom Verein Asociaţia româno-germană Alsterdorf getragen werden. Der Verein bleibt nach wie vor in höchstem Maße abgängig von deutschen Spendenmitteln.


Die Situation in Rumänien

Auch in Rumänien gilt: zu Hause bleiben! Eine sehr schwierige Zeit für viele KlientInnen, denn einige sind akut von Arbeitslosigkeit bedroht.
Einige Angebote wie das Tageszentrum für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen in Oradea oder die Werkstätten und das Catering in Cadea mussten schließen. Aufträge und Bestellungen können nicht ausgeführt werden. Die MitarbeiterInnen arbeiten nun verstärkt in den Wohngruppen, sind in diesen mitunter durch strenge Verordnungen der Regierung in Isolation. Dies bedeutet für alle Beteiligten Stress.

Die KollegInnen in Oradea, vor allem die Psychologen, arbeiten verstärkt am Telefon und kommunizieren intensiv z.B. via WhatsApp und unterstützen die KlientInnen wie sie können. Kontakt halten auf digitalen Wegen ist durch die aktuelle Coronavirus-Pandemie weltweit wichtiger als je zuvor. Das Team der Asociaţia româno-germană Alsterdorf steht an der Seite aller KlientInnen. Wir können den MitarbeiterInnen vor Ort gar nicht genug danken für ihr außerordentlich gutes Engagement!
Zudem gibt es Probleme bei der Beschaffung mit Schutzmaterialien wie Desinfektionsmittel, Masken und Handschuhen. Alles ist teurer geworden.

Die gute Nachricht: bisher hat sich kein/e MitarbeiterIn und kein/e Klient/in mit dem Coronavirus infiziert!


Reisen nach Rumänien

Auch Reisen nach Rumänien sind im Moment nicht möglich. Der ehrenamtliche inklusive Arbeitseinsatz im Mai wurde abgesagt. Unklar ist, ob der inklusive Bildungsurlaub im September und die Feierlichkeiten zum 30jährigen Jubiläum der Rumänienhilfe Alsterdorf im November stattfinden können.

Lesen Sie hier die persönliche Geschichte von Charlotte, die im Rahmen ihrer Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin an der Fachschule für soziale Arbeit Alsterdorf ihr Praktikum in Oradea abbrechen musste.


Mein Praktikum in Oradea in Zeiten des Coronavirus

„Am 5.3.2020 machte ich mich zusammen mit einem Klassenkameraden auf den Weg nach Rumänien. Unser Ziel war Oradea, wo wir ein etwas mehr als drei monatiges Erasmus Praktikum in der „Asociatia romana germana Alsterdorf" absolvieren wollten. Das Wochenende verbrachten wir erstmal damit die Stadt zu erkunden. Oradea ist eine wirklich spannende, schöne Stadt und es gab allerlei Dinge für uns zu entdecken. Am Montag hatten wir dann unseren ersten Praktikumstag. Zuerst hatten wir ein Gespräch mit der Leitung der Asociatia, sie erzählten und was es hier in Oradea und in der Umgebung für Einrichtungen gibt und erklärten uns wie die „Asociatia romana germana Alsterdorf" aufgebaut ist und funktioniert. Anschließend schnupperten wir schon mal in das Tageszentrum rein. Jetzt konnten wir das erste mal unsere Brocken Rumänisch ausprobieren und schon mal ein paar der Klienten des Tageszentrums kennen lernen.

Am nächsten Tag wollten wir uns eigentlich mit den Leitungen der verschiedenen Einrichtungen zusammensetzten, um zu besprechen wann wir welche Einrichtung kennen lernen können. Aber bevor wir zu der Besprechung kamen wurden wir von den Menschen aus dem Tageszentrum aufgehalten. Es war deutlich voller als am Tag zuvor und alle waren sehr aufgeregt und redeten auf uns ein. Obwohl unser Rumänisch wirklich schlecht war, konnten wir sehr gut versehen worum es ging. Einige der Klienten konnten ein bisschen Englisch oder Deutsch und so stellte sich schnell raus, dass das Tageszentrum aufgrund des Corona-Virus für die Klienten ab dem nächsten Tag geschlossen werden sollte und noch keiner wüsste wann es wieder aufmachen kann. Die Leitung der Asociatia erklärte uns zusätzlich, dass wir aufgrund des Infektionsrisikos keine anderen Einrichtungen besuchen können, aber dass sich das hoffentlich im April alles wieder legt und wir dann unsere Praktikum normal weiterführen können.

Die Tage danach unterstützen wir die Mitarbeiter aus dem Tageszentrum dabei das Tageszentrum für den Tag der Wiedereröffnung vorzubereiten. Manchmal kamen einzelne Klienten vorbei und halfen uns zusätzlich dabei. Wir machten Frühjahrsputz, sortierten aus und überlegten neue Projekte und Bastelideen. Obwohl es ganz und gar keine normalen Arbeitstage für das Tageszentrum waren, hatte ich trotzdem viel Spaß. Vor allem mit den Klienten zu arbeiten die ab und zu kamen. Da sie immer nur alleine oder in Zweiergruppen kamen fiel es mir sehr viel leichter sie direkt etwas kennen zu lernen und Gespräche zu führen.

Während unserer ersten Woche in Rumänien hörten wir immer wieder von anderen Mitschüler*innen, dass sie ihren Praktikumsaufenthalt in anderen Ländern wegen Corona abbrechen mussten und schon wieder auf dem Weg nach Hamburg waren. Wir machten uns natürlich auch Sorgen das wir abreisen müssen, aber da zu dem Zeitpunkt in dem Landkreis Bihor (wo wir waren) keine Infizierten registriert waren, waren diese nicht allzu groß. Selbst als Rumänien den Notstand ausrief und beschloss die Grenzen für Touristen zu schließen, entschieden wir uns zu bleiben. Wir fühlten uns wirklich wohl in Oradea, wir verstanden uns super mit den Mitarbeiten der Asociatia, hatten auch außerhalb schon ein paar Freunde gefunden und genossen es immer neue Dinge entdecken zu können. Umso schlimmer war daher für uns der Zeitpunkt als unsere Schule anrief und uns aufforderte abzureisen, die Schule konnte die Verantwortung nicht mehr tragen und noch gab es Möglichkeiten für uns recht einfach wieder nach Deutschland zu kommen. Wir versuchen mit unserem Schulleiter zu diskutieren damit wir in Oradea bleiben können, immerhin haben wir uns seit Beginn der Ausbildung drauf gefreut ein Praktikum im Ausland machen zu können. Trotzdem konnten wir uns nicht widersetzen. Also buchten wir den letzten Flug den es nach Deutschland gab und versuchten die letzten Tage in Oradea nochmal richtig zu genießen.

Das Nachhausekommen war aber sehr viel schwerer als man sich dass wahrscheinlich vorstellen würde. Auch wenn unsere Flüge keine Probleme bereiteten, müssten wir vorher die ganze Zeit Angst haben, dass sie gestrichen werden. Aber die größte Herausforderung kam erst in Hamburg. Sowohl ich, als auch mein Mitschüler, hatten unsere Zimmer für die drei Monate untervermietet und hatten jetzt keine Wohnung. Zum Glück hatten wir Menschen die uns vorübergehen Aufnahmen. Zusätzlich wurde uns unser Erasmus Stipendium gestrichen und wir hatten kein Geld mehr. Dann mussten wir erst einmal 2 Wochen in Selbstisolation und konnten uns danach erst richtig um eine feste Unterkunft und einen neuen Bafögantrag kümmern.

Ich bin wirklich traurig, dass ich mein Praktikum in Oradea schon nach zwei Wochen abbrechen musste. Auch wenn es mir wahrscheinlich besser damit geht in diesen komplizierten Zeiten in der Nähe meiner Familie sein zu können, wäre ich unfassbar gerne dort geblieben. Die Aussicht, dass ich das Praktikum auf jeden Fall nachholen kann erleichtert diese Traurigkeit zwar ein bisschen, allerdings kann momentan niemand sagen wann das sein wird. Voraussichtlich erst nach meinem Abschluss in eineinhalb Jahren. Trotzdem versuche ich die zwei Wochen die ich hatte nicht als abgebrochenes Praktikum zu sehen, sondern als eine Art Kennenlernen oder Schnupperpraktikum für die Zeit in der ich es nachholen kann." (Charlotte L.)


Das Team der Rumänienhilfe Alsterdorf wünscht Ihnen alles Gute, bleiben Sie gesund!

2020 ist ein besonderes Jahr

Liebe Freundinnen und Freunde der Rumänienhilfe Alsterdorf,

2020 wird ein besonderes Jahr, denn die Rumänienhilfe wird 30 Jahre alt. Die Feierlichkeiten zu diesem runden Jubiläum finden im Herbst statt, weitere Informationen werden im Laufe des Jahres bekannt gegeben. 30 Jahre, das ist ein Grund zu feiern und auch um einmal zurück zu blicken. Denn es gab viele Rückschläge und Schwierigkeiten. Insbesondere die finanziellen Schwierigkeiten sind aktueller als je zuvor. Es gibt zwar in Rumänien eine neue Regierung und neue Minister und Staatssekretäre, unklar ist jedoch weiterhin wann das im November 2018 beschlossene Gesetz zur Anpassung der Erstattungen im Bereich der Wohnversorgung von Menschen mit Behinderung endlich in die Tat umgesetzt wird. Wie auch im letzten Jahr muss die Differenz zwischen den Gehaltskosten und übrigen gestiegenen Ausgaben und den zu geringen staatlichen Erstattungen vom Verein Asociaţia româno-germană Alsterdorf, der die Einrichtungen und Dienste in Oradea betreibt, getragen werden. Der Verein bleibt somit hochgradig abgängig von deutschen Spendenmitteln, die damit nicht in vollem Maße für neue Projekte vor Ort eingesetzt werden können.

Großer Dank an alle Engagierten

Ein großer Dank geht an alle Ehrenamtlichen in Deutschland, die viel mitgedacht, mitgelitten und mitunterstützt haben. Insbesondere die rumänischen hauptamtlichen Mitarbeitenden machen eine wunderbare und unheimlich wichtige Arbeit vor Ort. Jede und jeder, der dieses Jahr vor Ort war, hat das gesehen. Besonderer Dank geht an Ana-Maria David, Emil Cuc und Cristian Neu, die unermüdlich das Geschehen vor Ort koordinieren und leiten.


Inhaltliche Fortsetzung

Inhaltlich setzen wir die anspruchsvolle Arbeit der letzten Jahre fort. Der Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung des Heimes in Cadea, auf dem Auszugsprojekt, so dass immer mehr Menschen mit Behinderung ganz ohne Hilfe leben können und dem Aufbau eines Zentrums der Begegnung in Oradea.

Das Heim in Cadea, das unser Trägerverein vor Ort, die „Asociatia romana germana Alsterdorf" 2014 übernommen hat, war seinerzeit eines der herkömmlichen Abschiebeheime für junge Erwachsene mit Behinderung. Heute leben hier die ehemaligen HeimbewohnerIinnen in kleineren Wohneinheiten zu jeweils vier bis acht BewohnerInnen. Sie arbeiten in den verschiedenen Werkstätten, die nicht nur sinnvolle Arbeit ermöglichen, sondern auch Güter produzieren, die auf dem Markt verkauft werden können. Im Dorf haben wir eine Werkstatt und ein Kulturhaus aufgebaut, in dem es eine Holzwerksatt, eine Besenbinderei und eine Kreativwerkstatt gibt und das gleichzeitig als Treffpunkt der Dorfbevölkerung dient. Auf dem Heimgelände gibt es eine Schneiderei und eine Küche, in der auch Essen auf Rädern produziert wird. Um das Heimgelände herum haben wir eine Landwirtschaft mit Viehzucht und Gewächshäusern aufgebaut. In all diesen Bereichen arbeiten Menschen mit Behinderung erfolgreich mit.

In unserem Auszugsprojekt helfen wir jungen Menschen mit Behinderung aus unseren Einrichtungen des betreuten Wohnens den Weg in die völlige Selbstständigkeit zu schaffen. Der Weg dahin bedarf nicht nur eines intensiven Selbstständigkeitstrainings, sondern auch der Vermittlung und Wahrnehmung eines Arbeitsplatzes mittels unserer Arbeitsassistenz und dann das Beziehen einer eigenen Wohnung. Einige haben das bereits geschafft. In 2020 beginnen wir damit, insbesondere jungen Frauen und BewohnerInnen aus Cadea Auszüge in die Selbstständigkeit zu ermöglichen und diese zu begleiten.

Seit Juli 2018 bauen wir im Stadtteil Josia, einer Hochhaussiedlung am Rande von Oradea, einen Treffpunkt auf, in dem sich die meist älteren Menschen des Stadtteils treffen können und Menschen mit Behinderung unter fachlicher Anleitung lernen, kleine alltagsnahe Dienstleistungen zu erbringen. Dazu gehören unter anderem das Bereiten und Servieren von kleinen Speisen und Getränken, die Unterstützung der alten Menschen durch Wegebegleitung zum Arzt oder Einkaufen, sowie die Pflege der umgebenden Grünanlagen. Die Menschen mit Behinderung werden durch dieses „learning by doing" auf Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt vorbereitet. Der Treffpunkt wird gut angenommen, die aufgebauten Strukturen werden in 2020 noch weiter stabilisiert.


Bildungsurlaub in Oradea

Wer sich die Einrichtungen und Dienste vor Ort ansehen möchte, sollte sich zum diesjährigen Bildungsurlaub anmelden. Der inklusive Bildungsurlaub wird organisiert von Leben mit Behinderung Hamburg und findet statt vom 12. bis 19. September 2020. Das Programm des einwöchigen Bildungsurlaubes variiert von Jahr zu Jahr. Im Mittelpunkt steht immer, die Lebenssituation in Bezug auf Arbeit, Freizeit und Bildung von Menschen mit Behinderung kennenzulernen. Die soziale, wirtschaftliche und historische Realität in Oradea vergleichen wir mit der Situation in Deutschland. Wir lernen unterschiedliche Wohnformen kennen, besuchen Arbeitsplätze und machen uns mit Freizeitangeboten vertraut. Wir kommen mit den BewohnerInnen einer Psychiatrie ins Gespräch und lassen uns von den BewohnerInnen einer Großeinrichtung das Leben auf dem Land zeigen. Wir lassen uns durch die Stadt Oradea führen und entdecken die kulturellen Angebote der Stadt. Am letzten Tag treffen wir Vertreterinnen aus der Sozialbehörde, die uns viele Fragen beantworten können.


Wir wünschen ein erfolgreiches und gesundes Jahr! Das Team der Rumänienhilfe Alsterdorf