Die 18 plus Frage

Bis jetzt endet diese Reform allerdings an der Altersgrenze von 18 Jahren. Junge Erwachsene müssen dann heraus aus den Kinderhäusern, nur in Ausnahmefällen können sie noch einige Jahre länger bleiben. Für die, die dann aufgrund ihrer Behinderung nicht selbständig leben können, heißt dies: zurück ins Heim oder in die Psychiatrie. Diejenigen, die dort noch gar nicht herausgekommen sind und über 18 Jahre sind, haben ebenfalls keine Perspektive. Ebenso sind Menschen gefährdet, die als Kinder und Jugendliche noch zu Hause gelebt haben, aber als Erwachsene irgendwann nicht mehr bei den Eltern wohnen bleiben können.

Die Rumänienhilfe Alsterdorf hat deshalb mit der Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung Stuttgart und in Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirchengemeinde St. Johannes Baptist in Weil im Schönbuch ein Programm gestartet mit dem Titel „Wohnen und Arbeiten für Erwachsene mit Behinderung in Bihor/18 plus“. Im März 2005 sind die ersten beiden Wohnungen mit zehn Wohnplätzen für „Betreutes Wohnens“ in Oradea eingerichtet worden. 3 weitere Wohnungen sind in den folgenden Jahren dazu gekommen, so dass jetzt 27 Plätze des Betreuten Wohnens bestehen. Ab 2011 startete das Auszugsprojekt, in dem 2013 bereits 11 Menschen mit Behinderung lebten.

Mit den Wohnhäusern und ihrer dichten und intensiven Betreuung und Anleitung, dem Betreuten Wohnen mit dem Training zur Selbstständigkeit und dem Auszugsprojekt, in dem die Betroffenen nur noch 1-2 Stunden die Woche beratende Hilfe durch die Wohnassistent*innen erhalten ist in Oradea eine sinnvolle und gut aufeinander abgestimmte Kette von Unterstützungsangeboten entstanden, Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft zurückzuführen. Gleichzeitig gelang es uns in Bihor, in intensiver Kooperation mit der örtlichen Agentur für Arbeit über 200 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu schaffen.

Diese Arbeitsplätze funktionieren nach dem in Großbritannien erfolgreichen Prinzip des „supported employment“, bei dem speziell ausgebildete Arbeitsassistent*innen nicht nur die Vorbereitung und Vermittlung auf den Arbeitsplatz, sondern auch die Anleitung dort und die Hilfe bei Konflikten am Arbeitsplatz übernehmen.

Mit den Mitteln der Robert-Bosch-Stiftung wurden die Koordination und die Aus- und Weiterbildung der rumänischen Wohn- und Arbeitsassistent*innen finanziert. Die Katholische Kirchengemeinde Weil im Schönbuch und die schwedischen Hilfsorganisation „Syster Annas hjälpverksamhet för rumänska barnhemsbarn“unterstützten den Aufbau der Wohnplätze mit Spendentransporten und Geldspenden, sowie mit ehrenamtlichem Engagement.

Gleichzeitig hat die Rumänienhilfe Alsterdorf für die Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen oder geistigen Behinderungen, die noch bei ihren Eltern leben, 1997 angefangen, zusammen mit dem Angehörigenverband in Oradea ein Tageszentrum aufzubauen. 40 Betroffene finden hier seither ein Tagesstruktur mit Förderprogrammen, Sorge um die ärztliche Versorgung und einer gemeinsam hergestellten warmen Mahlzeit, wodurch die Familien entlastet werden und eine Einweisung ins Heim oder die Psychiatrie vermieden wird.


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