Freitag, 19. Dez. 2025 at 17:54

4.1.1 Angela Merkel – Regieren im Jahrzehnt der Erosion

Einleitung
Angela Merkel übernahm das Amt der Bundeskanzlerin im Jahr 2005 in einer Phase,
in der die politischen und institutionellen Grundlagen Europas bereits erodierten –
lange bevor sich diese Erosion offen zeigte.

Die große Osterweiterung von EU und NATO war vollzogen,
ohne dass ihre inneren Strukturen, Entscheidungsmechanismen
und ihr politisches Selbstverständnis neu begründet worden wären.
Europa war größer geworden, aber nicht handlungsfähiger.
Integration wurde als Vollendung gedacht, nicht als offener Prozess mit Risiken,
Spannungen und Machtverschiebungen.

Zugleich stand am östlichen Rand Europas eine ehemalige Großmacht,
deren ökonomischer Zusammenbruch überwunden war
und deren Anspruch auf sicherheitspolitische und politische Bedeutung
bereits wieder sichtbar wurde.
Russland war kein Randphänomen mehr –
doch Europa hatte keine gemeinsame Sprache mehr, um damit umzugehen.

In dieses Feld trat Merkel nicht als Gestalterin einer neuen Ordnung,
sondern als Verwalterin eines fragil gewordenen Status quo.
Ihre Politik war von Beginn an weniger auf Richtungsentscheidungen ausgerichtet
als auf Stabilisierung, Ausgleich und Schadensbegrenzung.
Das war keine persönliche Schwäche,
sondern Ausdruck eines politischen Systems,
das seine Mitte bereits verloren hatte,
ohne sich dessen bewusst zu sein.

Merkels Stärke bestand darin, Spannungen zu dämpfen,
Konflikte zu verzögern und Widersprüche auszuhalten,
wo andere sie zugespitzt hätten.
Sie hielt Europa zusammen,
ohne ihm eine neue gemeinsame Orientierung zu geben.
Sie verhinderte Brüche –
aber sie reparierte die Fundamente nicht.

Damit wurde ihre Kanzlerschaft zur letzten Phase einer Ordnung,
die noch funktionierte, obwohl sie innerlich erschöpft war.
Nicht weil Merkel sie erneuerte,
sondern weil sie ihren Zerfall auf Zeit stellte.

Als sie ihr Amt verließ,
waren die strukturellen Konflikte nicht gelöst,
sondern lediglich aufgeschoben:
die geopolitische Neuordnung,
die soziale Erosion,
die Klimakrise,
die digitale Machtverschiebung
und der Verlust politischer Orientierung in der Mitte.

Was folgte, war kein Neuanfang,
sondern die Offenlegung dessen,
was während des Jahrzehnts der Erosion
zusammengehalten worden war.

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