Shapeshifter und Sprache

Shapeshifter sind meiner Meinung nach die beste Allegorie für Enbys (En By == NB == Non Binary == nichtbinäre Person). Sie haben kein fixiertes Aussehen sondern die Freiheit zu sein was sie wollen und wann sie es wollen. Sie können maskulin, feminin, irgendwo dazwischen oder auch komplett anders in Erscheinung treten. Genauso wie Gender-Binary-Non-Conforming Menschen werden sie in den Mythen, die sich um sie ranken oder in Fantasy-Universen entweder als Schaman:innen, Heiler:innen, Wahrsager:innen etc. vergöttert oder als Doppelgänger, Hexen und Identitätsdiebe gescheut, gefürchtet, verurteilt und verbrannt, wenn sie erkannt werden - relatable.

Zwar habe ich auch schon das ein oder andere Mal die Idee gehört, Roboter könnten als Allegorie für Trans+ Personen herhalten; das teile ich aber nur bedingt. Obwohl es viele tolle Robotercharaktere gibt, ist deren Hauptunterschied zu anderen Charakteren meist nur die fehlenden Emotionen oder die fehlende Kontrolle über diese. Außerdem gibt es schon seit Jahrtausenden Geschichten über Shapeshifter in allen Formen; Werwölfe, Vampire, Skinwalkers, viele Götter und Held:innen aus diversen Mythologien - beim recherchieren sah es so aus als hätte jede erdenkliche Kultur an irgendeinem Punkt den ein oder anderen Shapeshifter in ihre Mythologie aufgenommen um ein Konzept oder eine einzigartige Persönlichkeit darzustellen. Hinterlistigkeit, Vollkommenheit, Fremdheit, Anpassungsfähigkeit, Aus- und Unausgeglichenheit; alles in einem Charakter. Es ist auch gut möglich, dass diese Mythen teilweise auf nichtbinären/Trans+ Personen basieren. Die binäre Geschlechtsnorm existiert in unserer heutigen Form noch garnicht so lange und einzigartiges wurde (und wird) in Geschichten oft ausgeschmückt dargestellt.

Wer D&D spielt (und vorallem auch DM ist) kennt es: Man verliert sich in den eigenen Fantasiewelten. Man erkundet wie sie aussehen, wer dort lebt, wie miteinander umgegangen wird - politisch und sozial. Das ist auch der Hauptgrund, warum ich begonnen habe, mir die Frage zu stellen: Wie würde eine Gemeinschaft von Shapeshiftern aussehen und funktionieren? Wie würden sie sich verhalten? (Völlig unerwarteter Weise ist diese Frage eine Parallele zum Gedanken "Wie wäre es, wenn das soziale binäre Geschlecht endlich nur mehr in einem kurzen Ausschnitt der Menschheitsgeschichte existieren würde?")

Weil es bei D&D hauptsächlich darum geht Geschichten zu erzählen und man als DM dazu oft Stimme und Sprachmuster verwendet um Charakteren und der Welt Leben einzuhauchen wurden dann auch irgendwann diese Fragen interessant: Wie interagieren Shapeshifter unter sich? Wenn zwei Shapeshifter miteinander sprechen und sich über andere unterhalten, wie referenzieren sie die? Wie stellen sie sich die Subjekte ihrer Diskussion vor? Wie würden sie mit Nicht-Shapeshiftern über andere Shapeshifter sprechen?

Menschen im "modernen" 21. Jahrhundert haben ein Problem: Wir nehmen uns nicht mehr primär als Menschen wahr. Etwas mehr als zweihundert Jahre Kapitalismus waren genug um unsere Gedankenwelt stark zu verändern. Wenn wir heute über Andere nachdenken, sind das Männer oder (dem Patriarchat geschuldet, seltener) Frauen ... oder Menschen "die zwar meinen, nicht das Eine oder das Andere zu sein", die wir aber trotzdem als entweder das Eine oder das Andere kategorisieren. Hier ein paar Beispiele aus dem deutschen Sprachraum: Man diskutiert mit jemandem, die Person referenziert eine andere, unbekannte mit dem Namen "Hubert". Sofort setzt sich eine Kette in Gang: "Hubert" hat eine männliche Erscheinung, "Hubert" kommt aus dem deutschen Sprachraum, "Hubert" ist weiß, nicht zu alt, hat ein mitteleuropäisches Aussehen. Oder "Trisha": "Trisha" hat eine weibliche Erscheinung. "Trisha" kommt aus dem englischen Sprachraum, also UK, Kanada den USA (oder falls wir gerade zufällig über die Südhalbkugel nachdenken) aus Australien. "Trisha" ist aber bezüglich der Ethnie schwerer einzuschätzen - wir kennen nicht soviele, dass das vorbesetzt ist, das Bild ist also vager. Wir werden also bald nachfragen um ein genaueres Bild zu bekommen: "Interessanter Name, woher kommt sie?" "Keya": "Keya" klingt erstmal weiblich, aber mein gegenüber hat gesagt "Da habe ich letztens meinen Kollegen 'Keya'" getroffen. Hmm... muss also männlich aussehen. Wir müssen nachfragen, sonst haben wir garkein Bild mehr im Kopf ...

... und was sind Geschichten ohne Bilder im Kopf? Das ist das eigentlich zentrale Problem: Unser Kopf verlangt zu wissen wie jemand aussieht, weil wir damit implizit einige Ableitungen machen: Rassistische, elitäre und sexistische Zuschreibungen. Wäre die Person sexualpartnerschaftlich interessant? Wäre die Person ein formidabler Gegner? Könnte sie mich beschützen? Wie klingt die Person? Wieviel Intelligenz traue ich der Person zu? Was könnte ich mit ihr gemein haben? Alles Zuschreibungen, die wir versuchen nach unserer Ersteinschätzung treffen. Integral darin ist die sexistische Zuschreibung ob jemand weiblich oder männlich ist. Und obwohl in diesen zwei Begriffen *lich steht, das indiziert, dass jemand zwar weiblich gelesen aber nicht notwendigerweise 100% weiblich ist, leiten wir aus dem Namen das "biologische" Geschlecht ab (das im übrigen auch nicht so binär ist, wie oft behauptet wird). Eine Info die uns eigentlich keinen Mehrwert bringt. Unsicherheit ist aber verdammt stressig für unser Hirn und deshalb verwenden wir die Information trotzdem um uns ein Bild zu zeichnen.

"Aber ich bin nicht rassistisch, elitär und sexistisch. Ich mache das nicht" ist wohl die häufigste Beschwerde die ich bekomme, wenn ich meine Ansicht dieser Denkprozesse darlege. Die sofortige Ablehnung davon ist aber schon die erste Red Flag. Natürlich macht das kaum jemand bewußt und explizit. Das sind Gedankengänge die im Hintergrund in Millisekunden passieren, derer wir uns während des Gespräches meistens nicht bewußt sind. Es sind dann meistens dieselben Menschen, die überrascht sind wenn "Ahmad", "Merve" und "Yassin" schon in dritter Generation in Österreich leben, starken wiener Dialekt sprechen und eine Professur für Maschinenbautechnik innehaben.

Aussagen wie die obige verwundern mich schon, seit ich aus meinem hyperkapitalistischen, reaktionären Geburtsort der Schule wegen weggezogen bin. Mir kam es oft so vor, als wäre ich alleine mit diesen Gedanken - die Anderen sagen alle so bestimmt, "das betrifft mich nicht, ich bin nicht so" und bei mir habe ich andauernd solche Gedankenmuster gefunden. Ich würde selbst heute nicht sagen, dass ich nicht elitär, rassistisch und sexistisch bin. Ich habe mich lange genug mit meinem Kopf beschäftigt, dass ich weiß, dass diese Prozesse immer noch existieren. Wir wachsen in einem Umfeld auf, in dem das unumgänglich ist. In dem elitären Umfeld in dem ich aufgewachsen bin, waren diese Dinge überall. Natürlich nimmt man das an.

Das Wissen darum hat es mir aber wenigstens ermöglicht, die Effekte davon weitestmöglich zu entfernen. Gemeinsam mit sozialem und politischem Engagement und viel Kontakt mit Menschen haben sich diese Dinge auch stark gebessert - ganz weg sind sie aber noch nicht: So sehr ich kapitalistisch geprägten Humanismus und dessen Obsession auf eine genormte Sprache hasse - ich muss mich immer noch aktiv daran erinnern, dass es keine guten Deutsch oder Englischkenntnisse braucht, um klug und freundlich zu sein. Auch das ist aber schon viel besser als früher. Seit ich mich politisch engagiere habe ich auch gelernt, dass es genau das ist, was Marx mit der Wesensänderung durch gemeinsame Kämpfe gemeint hat. Die Mitglieder der Arbeiter:innenklasse sind nicht alle perfekte Revolutionär:innen die nicht rassistisch oder sexistisch sind ... aber sie haben das Potential, das durch Klassenbewussteinsbildung und gemeinsame Kämpfe zu werden. Der politische Aspekt ist an dieser Stelle aber eher nebensächlich. Kurz gesagt: Wenn mir heute jemand den Namen "Maria" sagt, habe ich ein Bild im Kopf - und es ist nicht eine männliche Person-of-Colour aus Mexico.

Aber wieder zurück zum Thema: Wie wären solche Konversationen unter Shapeshiftern? Auch bei ihnen gäbe es eine Sprache, die Bilder im Kopf von Anderen erzeugt. Meine Vorstellung ist aber (abgesehen davon, dass es wahrscheinlich keine geschlechtsspezifischen Pronomen gäbe): Die Sprachstruktur würde viel mehr vorangestellte Adjektive und vorangestellte Silben verwenden. Mittels dieser Adjektive würde sich eine Kette an Zuschreibungen aufbauen lassen, die dann auf ein Subjekt übertragen würde.

"Mein befreundes, dunkelhäutiges, kräftiges, vampirisches, balduria Fem hat mir letztens etwas interessantes über deren Schmiedekunst erzählt."

Natürlich klingt das fremd und komisch - es ist ungewohnt. Auch wenn hier die Attribute wenig zum Inhalt beitragen, machen sie das Bild im Kopf genauer. Wenn man die eigenen Gedanken beim erstmaligen Lesen beobachtet, wird hier das Bild auch anders aufgebaut, als mit

"Letztens hat mir eine Freundin aus Balduria etwas interessantes über ihre Schmiedekunst erzählt... [Die junge?] Nein, nicht die, die dunkelhäutige, kräftige Vampirin"

hier ist nach dem eine schon ein schärferes Bild im Kopf, als nach den ersten drei Attributen des anderen Satzes: sieht weiblich aus. Wie vorher beschrieben ist die sexistische Geschlechtszuschreibung alleine schon problematisch und sinnlos - vorallem im Kontext von Shapeshifter Sprachen. Aber im Kontrast zu den gängigen Versuchen im Deutschen alles Geschlechtsspezifische aus der Sprache zu tilgen, stelle ich mir vor, dass solche Sprachen, im Gegenteil, noch viel beschreibender wären, weil Kontext wichtig ist und nicht dem Zufall überlassen werden sollte. Die Frage ist nur "Wie?".

Wir weden jetzt nicht beginnen so zu sprechen wie in den Beispielen oben. Natürlich nicht - die meisten von uns sind keine Shapeshifter. Es gibt aber (zusätzlich zum Entgendern) einen praktischen Trick, den wir übernehmen können. Der entfernt uns dann die stärkste Sprach-Bild Determinante (das Geschlecht) auf so eine Art, dass der Kontext/das Bild zwar erhalten bleibt, die sinnlose Information (das "biologische" Geschlecht) aber wegfällt: das Ersetzen der Worte "Mann" und "Frau" durch beschreibende Synonyme. Masc als Synonym für "männlich gelesene Person", Fem als Synonym für "weiblich gelesene Person", Enby als Synonym für "schwierig/nicht binär zu lesenede Person/unbekanntes Erscheinungsbild". Damit umgeht man - durch zusätzlich eingezogene Komplexität - den Automatismus von schnellen Zuschreibungen und löst das Problem von direkten Referenzen, die auf Personalpronomen zurückgreifen müssen. Zudem klingt "Fem" stark und selbstbewusst und ist nicht abwertend, wie die veraltenten "Weib*"-Begriffe.

  • Ein Enby, ein Fem und ein Mask gehen in eine Bar vs. Eine nichtbinäre-Person, eine Frau und ein Mann gehen in eine Bar
  • Neulich hab ich ein Fem getroffen mit dem ich mich super verstanden hab vs. Neulich hab ich eine Frau getroffen mit der ich mich super verstanden habe.
  • Er steht eher auf Masc vs. Er steht eher auf Männer.
  • Das Fem hatte eine sehr maskuline Stimme, das Enby eher eine feminine vs. Sie hatte eine sehr männliche Stimme, ??? eine eher weibliche.

Natürlich ist das nicht perfekt - besser noch, wir bräuchten das nicht, aber es löst durchaus einige praktische Probleme die ich mit geschlechtsneutraler Formulierung im Deutschen habe, nämlich das nachgestellte Personalpronomen, das anstelle von Namenswiederholungen verwendet wird: Echo mag das nicht, (sie/er/es/Echo) hasst das. Wortwiederholungen klingen in meinen Ohren nicht schön und selbst schwanke ich immer hin und her welche Pronomen und ob überhaupt ich eigentlich gerade gerne hätte, je nach Tagesverfassung - einen Default darauf, wie ich gerade wahrgenommen werde (Fem/Masc/Enby) empfände ich aber als fair, selbst wenn das sicher auch nicht immer mit dem zusammenpasst wie ich mich gerade fühle und natürlich auch binaere Aussehens-/Verhaltensnormen inkludiert. Es ermöglicht dem Subjekt (also in dem Beispiel oben mir) aber zumindest eine Einflussmöglichkeit, die nicht auf der arbiträren Zuschreibung des "biologischen" Geschlechts basiert.

Ziel von Sprache ist es, Bilder zu vermitteln. Ich bin deshalb nicht begeistert davon, Gender-Erscheinung daraus zu verbannen. Wir leben derzeit in einer Gender-binär dominanten Welt. Sprache muss und soll das ausdrücken können - ansonsten lassen unsere Erzählungen Kontext weg. Wenn wir die Sprache aber dafür verwenden können, den Kontext neutraler oder sogar reicher auszudrücken, geht das schon in eine gute Richtung. Die Befreiung vom binären System kann sowieso nur durch eine Revolution und das Zerschlagen des Kapitalismus passieren - die Sprache wird nicht den entscheidenden Schlag setzen - sie muss deshalb nicht perfekt sein. Aber bis dahin können wir durch weniger rigide Begriffe und Formulierungen Situationen tatsächlich besser beschreiben: wir bekommen sogar Kontext und Ausdrucksmöglichkeiten dazu die uns derzeit abgehen. Wenn man die Pronomen/bevorzugte Anreden etc. einer Person kennt kann man die ja auch immer noch verwenden, aber auf ein neutrales "das Fem/Masc/Enby" zurückzufallen löst schon viele Probleme. Wenn es Menschen "wirklich nur darum geht wie die Personen aussehen" und nicht darum "welches Geschlecht sie haben" wie mir oft gesagt wird, sollte es kein Problem sein Trans- und Cis-Männer als Masc sowie Trans- und Cis-Frauen als Fem zu bezeichnen - und alle ungenauen Fälle als Enby. Wir bekommen sogar ein akkurateres Bild aber das Unnötige geht...

Enby out


You'll only receive email when they publish something new.

More from Echo
All posts