Liberale und die Problem-Forellen im Mittelmeer

Wenn man sich als radikale Linke regelmäßig mit "progressiven" Medien wie dem Falter oder OE1 beschaätigt, fragt man sich manchmal, ob selbst die liberalen Ideale "​Liberté, Égalité, Fraternité" vielleicht schon zu radikal sind. Man verstehe das nicht falsch: es gibt viel gute, wertvolle Berichterstattung in diesen Medien, aber hin und wieder sieht man, warum sich das Bürgertum in revolutionären Zeiten in großen Zahlen hinter den reaktionären Rechten und Konservativen versteckt. So bejubelt im Falter Florian Klenk das Kopftuchverbot und der liberale Radikalhumanist Philipp Blom wirkt in Punkt1 als würde er lieber über hypothetische Kosten als echtes menschliches Elend sprechen.

Liberale hassen Rassismus; auf Papier; bei anderen. Kommt aber die erste Gelegenheit, Menschen aus rassistischen Gründen ihrer Rechte oder ihrer bürgerlichen Ideale wie Freiheit oder Gleichheit zu berauben, beissen sie an wie die Forellen in einem Fischteich. Wahrscheinlich sind sie, wie die Forellen, beinahe froh ihres stillen Leidens entledigt zu werden. Endlich raus aus dem Morast der Heuchelei rein ins Tageslicht, immer unter dem Anschein, man würde Moral und Pragmatismus rational abwägen; unter dem Anschein, "die haben kein Bewusstsein, die Forellen, die fühlen kein Leid, wir töten nicht, wir fischen und jausnen".

Anlass für die Punkt1 Sendung war der Forellenstrom der die Grenze bei Sabta überschwommen hat - sorry, der "Migranten-Sturm auf Ceuta"; egal, denn zu beiden Begriffen hat man als liberaler, dank des eigenen Verstandes und der Aufklärung, gleichviel Gefühlsregungen. Anlass waren Zehntausende flüchtende Menschen auf der Suche nach einer besseren Zukunft auf, von Europa, kolonial besetztem Land. Die Sendung lief unter dem Titel "Migration als politisches Druckmittel" - man häte sich also vorstellen können, dass die Diskussion des damit verbundenen menschlichen Leides eventuell unerwünscht ist. (Meinem Zynismus geschuldet bin ich beinahe enttäuscht, dass kein Militärexperte eingeladen wurde um über Grenzsicherung zu sprechen und Frontex zu glorifizieren, das dürfte zumindest einem Funken Anstand in der OE1 Redaktion geschuldet sein.)

"Genug aufgeregt, was hat Philipp Blom denn jetzt wieder getan?", fragen sich manche die bis hierher gelesen haben vielleicht. Die eingeladenen Expert:innen gaben gute Antworten und Einsichten; Blom war offenbar nur minder begeistert von diesen.

An einem Punkt wurde andiskutiert, dass das grundlegende "Problem" der Migration nicht die Migration oder die Migrant:innen sind, sondern der hier grassierende Rassismus. Blom verwertet diesen Satz der Expertin mit einem "nachdem sich die Gemüter hier erhitzt haben, machen wir jetzt etwas Musik". Nach der Musik wechselt er gekonnt das Thema - wir sprechen also nicht über einen der Punkte den die Expertin als "sehr wichtig" emfpunden hat. Wenns bei dem geblieben wäre, könnte man einen Zufall unterstellen.

Später geht es dann aber darum, dass wir für die Lösung der demografischen Krise Europas Migration brauchen. Blom entgegnet, dass das stimmt, aber, dass es ja auch pragmatische Lösungen braucht, nimmt einen Anrufer in die Sendung und wechselt abermals das Thema. Danach erklärt ein Anrufer, dass Grenzschutz auf dem Level, das unsere Herrschenden haben wollen einfach unmöglich ist und viel zu teuer wäre. Blom fragt die Expertin sinngemäß: "Aber mal ganz ohne Moral und co.: Was würde das denn tatsächlich kosten?"

Die Sendung schließt mit einer Diskussion über "selektive Migration" (aka. Rassismus in Gesetzesform). (Ganz zu schweigen von den immer wiederkehrenden, ignorierten Versuchen des zweiten Experten, die Diskussion auf den Schutz von menschlichem Leben zu lenken.) Die Expertin erklärt, dass es sehr fraglich sei, wenn wir uns als Gesellschaft anhand des persönlichen Weltbildes "aussuchen" wollen, wer kommen darf, denn die Konsequenz davon müsse sein, dass wir dann bei Menschen mit Staatsbürgerschaft dieselben Kriterien ansetzen müsste. Hier fällt ihr Blom sogar ins Wort und mansplained, dass die ja schon da sind und die muss eine Demokratie ja aushalten können.

Denselben Schwachsinn hört man dann zum Wolf, der "leider" abgeschossen werden muss, weil er es unmöglich macht, Vieh zu halten, auch wenn das die Schweiz nebenan seit Jahrhunderten funktioniert. Oder wenn Jugendliche in "Auszeit-WGs" "angehalten" werden, weil man die Senkung des Strafalters nicht durchgeboxt bekommen hat. Oder wenn es eine "gesellschaftliche Diskussion" ist, ob "der Einfluss von Queeren Menschen" für Kinder unter 16 schädlich ist und dann Hass auf LGBTIQ+-Personen als Meinung dargestellt wird. Oder wenn argumentiert wird, dass Klimaschutz schon wichtig ist, aber die Wirtschaft auch nicht überfordert werden darf. Oder wenn (und damit schließt sich diese göttliche Komödie) Aufrüstung auf Kosten von Sucht-Prävention und -Behandlung, als Überlebensnotwendig für Österreich verkauft wird.

Hören sich Liberale eigentlich selbst zu? Als hochgebildete Humanisten müssten sie die sprachlichen Früchte ihres heiligen aufgeklärten Egos eigentlich zum Himmel feiern. Fällt es ihnen nicht auf? "Pragmatismus" scheint der koalitionäre Schlachtruf, der Konservative und Liberale und Rechte zum Klassenkampf von Oben vereint. Maßnahmen sind nicht rassistisch, wenn man sie "pragmatisch" erklären kann. Die Pragmatik: Pseudoschlaues dahergestammle, dass systemische Probleme wie Frauenfeindlichkeit importiert sind. Wehe liberale sähen den Riss, der sich durch ihr freiheitlich, gleichheitlich, brüderliches Glasschloss zieht oder den ideologischen Sumpf auf dem es gebaut ist.

Ich habe keine Lust mehr, Rechten zuhören zu müssen, und denselben ideologischen Dreck, in nettere Worthülsen und mit Fremdwörtern gespickt, aus dem liberalen Lager zu hören. Freiheit und Gleichheit waren wohl doch nur für die Freieren und Gleicheren gedacht. Wenn Menschen ihrer religiösen Freiheit beraubt werden, unter dem Vorwand, dass man "Bildung und Religion" trennen muss, während Schule von ideologischer Aufladung nur so trieft oder "pragmatisch" darüber gesprochen wird, dass Europa ein Problem hat, wenn die Population um 0.017% "junge marokkanische Männer" wächst, "weil das nicht die sind, die wir brauchen", dann hat das nichts mit liberalen "Werten" zu tun. Das ist Rassismus. Das gehört in dieselbe Tonne, wie der ideologisch braune Schwachsinn der FPÖ.


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