KI, Moral und das "Individuum"
August 15, 2026•4,008 words
Nach einem Vortrag zur digitalen Natur des modernen Kapitalismus und dessen Konsequenzen für marxistische Praxis, war die Diskussion von "KI" geprägt. Ich hatte das Thema nur angeschnitten, trotzdem flogen 30 Minuten alle Argumente gegen diese Technologie durch den Raum.
Ich mache mich zumeist unbeliebt, wenn ich sage, dass ich nichts von diesen Argumenten halte. Mehr noch, wenn ich behaupte, dass diese Art Probleme zu analysieren (oder die heraufbeschworenen Lösungen) geradezu an liberales Moralisieren grenzen und auch ziemlich reaktionär sind. Es folgt also eine Aufarbeitung des Themas; eine Erklärung, warum "KI"-Gegnerschaft aus marxistischer Sicht ca. so schlau ist wie Zustimmung zur Aufrüstung.
Die Position kurz zusammengefasst: In einem unmoralischen System ist Kritik mittels moralischer Argumente sinnlos - es muss das System an sich kritisiert werden. Folgen aus dem System und daraus hervorgehendes Verhalten sind zwar problematisch, deren Kritk aber kein Mittel zur Lösung des Problems. Individualisierte Moralargumente sind demnach keine Basis für politische Forderungen. Gleichsam sind die Nutzung von "KI" Technologien und deren Auswirkungen auf Kunst, Kultur, etc. nicht das zentrale Problem, sonderen die Ausbeutung und Akkumulation jener kapitalistischen Akteure, die diese entwickeln und betreiben. Selbst mit Hinblick auf den Energie und Ressourcenverbrauch ist immer noch das dahinterstehende System das Problem - es gibt keinen grünen Kapitalismus. "KI"-Technologien sind Meilensteine, die demokratisierend wirken, die real zur Lösung von Problemen und (nicht zuletzt wegen der KI-Blase) zum Sturz des Kapitalismus beitragen können - allen negativen Auswirkungen dieser zum Trotz. Als Sozialist:innen müssen wir jedes zur Verfügung stehende Mittel verweden um das System Kapitalismus vollumfänglich zu stürzen. Individuelle Boycott-Positionen sind zwar legitim, diese aber als "aufgeklärter", als Ersatz fuer politischen Widerstand oder gar als moralische Herabstufung anderer zu verwenden ist nicht nur konterrevolutionär sondern eurozentrische, humanistische Überheblichkeit. Aus moralischen oder wirtschaftlichen Argumenten Verbote abzuleiten fällt in dieselbe Kategorie. Widerstand gegen Datenzentren ist aus revolutionär politischer Sicht dagegen unterstützenswert um Menschen im Kampf zu organisieren und antikapitalistische Positionen zu bestärken. Die Erfahrungen einer Revolution und die daraus hervorgehende politische Ökonomie werden die Verwendung dieser Technologien stark verändern. Der Sturz des kapitalistischen Systems muss auch deshalb das Ziel jeglicher linker Politik sein, alles andere ist die verzweifelte Reparatur einer fundamental kaputten Maschine.
Die Angeklagte
"KI" ist in aller Munde. Ich hasse den Ausdruck, weil er schwammiger nicht sein könnte. Objekt der Aufregung (und, seien wir ehrlich mit uns selbst, der Begierde) sind generative Machine Learning Modelle. Machine Learning ist jene informatische Disziplin, die sich mit der Entwicklung von Algorithmen beschäftigt, die nicht manuell ins Detail ausprogrammiert werden müssen. Anstattdessen werden Daten dazu verwendet, den Algorithmus "zu trainieren"/einzustellen/zu konfigurieren. Systeme wie diese gibt es schon einige Zeit, beispielsweise um Krebszellen auf Bildern zu erkennen.
"Neu" ist, dass diese Systeme nicht nur mehr erkennen, sondern etwas neues produzieren. Dahinter steht meist eine Architektur, die einerseits den Input (bspw. den Prompt) "kondensiert", diesen als Input für das generative System verwendet und am Ende der Kette purzeln dann wieder Daten heraus; beispielsweise Text oder ein Bild. Vor allem Musik, Bild und Textproduktion in Form von Suno, Midjourney und ChatGPT stehen hier derzeit in der Kritik.
Dass das Feld "KI" aber viel größer als das ist, wissen die wenigsten. Andere Modelle werden seit Jahren in fast jedem Bereich der Technik, Medizin und Wirtschaft verwendet, um Vorhersagen zu machen, Prozesse zu planen, Proteinfaltungen zu berechnen, etc. "KI" und deren Ergebnisse stecken in modernen Handykameras genauso wie in Fahrplänen, Impfungen, Flugzeugdesigns und beinahe jedem Teilgebiet der modernen Wissenschaft. "KI"-Gegnerschaft an und für sich ist also schon mal der falsche Begriff - manche haben ein Problem mit dem kleinen, sichtbaren Teil des KI-Eisberges: Generativer KI/GenAI. (Der Einfachheit halber behalte ich aber das gängige Wort KI hier bei und beziehe mich sonst explizit auf nicht generative Formen.)
Die Schuldfrage
Ein Jugendlicher nimmt sich das Leben, nachdem er ChatGPT als Therapeuten verwendet hat. Menschen verlieren ihre Jobs, weil KI sie ersetzt hat. KI verwendet urheberrechtlich geschütztes Material von Künstler:innen oder klont sogar deren Stimmen. KI verbraucht zu viel Energie und Wasser.
Die KI scheint an allem schuld. Eine einfache Gegenfrage: ist das wirklich die Schuld der KI? Sind Waffen daran schuld, dass auf Menschen geschossen wird? Natürlich nicht, sonst wären auch Steine daran schuld, dass sie geworfen werden. ChatGPT ist das Produkt eines Unternehmens, das kapitalistische Interessen verfolgt. Noch dazu eines Unternehmens, in das von Staat und Kapital immense Hoffnungen gesteckt werden, weil es behauptet den Schlüssel zur Dauerkrise des Kapitalismus zu entwickeln.
Gerade die erste Schuldfrage sollte man deshalb anders stellen: Warum sah der Jugendliche die Notwendigkeit, ChatGPT als Therapeuten zu nutzen? Problematische Einzelfälle wird man nie verhindern können, aber die notorisch schlechte Versorgung der Weltbevölkerung im psychotherapeutischen Raum ist nicht zu leugnen. Jährlich gibt es alleine in Österreich über 1000 Suizide; stabil; seit dem Jahr 2000. Wir haben (in Österreich aber auch in den restlichen Ländern der EU und den USA; vom globalen Süden ganz zu schweigen) eine Krise im Feld der mentalen Gesundheit und keine unserer Regierungen hat daran etwas geändert. Suizide gab es vor ChatGPT, die Information dazu, wie man sich einen Knoten bindet, findet sich mit Leichtigkeit, ChatGPT erspart mir hier 5 Minuten Arbeit. Der Grund warum Menschen sich das Leben nehmen wollen, findet sich davor und sowohl Unterdrückung als auch die materiellen Bedingungen der Menschen spielen dabei eine große Rolle. Schuld an Fällen wie diesen sind also Staat und Kapitalismus, nicht ein herzloses Stück Technologie, das Menschen zumindest das Gefühl gibt, dass ihnen jemand zuhört. Die Exzesse und die Entfremdung des Kapitalismus schädigen Menschen psychisch. Therapieplätze sind Mangelware und psychische Gesundheit eine private Angelegenheit ("Resilienz", "Stressresistenz") - Kapital ist hier wichtiger als Menschen und deren Wohlergehen.
Auch am Jobverlust oder an den Urheberrechtsverletzungen ist nicht die KI selbst schuld. Wie im Linkswende Magazin schon ausgearbeitet, ist die Arbeitsplatzverdrängung durch KI kein anderes Phänomen als jeder Automatisierungsschub davor - mit dem Unterschied, dass jetzt der weiße, westliche, White-Collar-Teil der Arbeiter:innenklasse davon betroffen ist. Aber auch hier ist das Problem die Akkumulations- und Ausbeutungslogik des Kapitalismus und nicht das dafür verwendete Mittel. Unternehmen kündigen Menschen. Unternehmen verwenden bewusst urheberrechtlich geschütztes Material für das Training ihrer Modelle.
Innerlinker kommentar: Unabhängig davon ist jede Kritik daran, dass geistiges Eigentum verletzt wird von marxistischer Seite mehr als fraglich. Privates Eigentum ist die Basis des Kapitalismus; besonders auch die Privatisierung von Gemeingütern (wie beispielsweise Ideen/Informationen) als (geistiges) Eigentum. Dass diese fundamentalsten Regeln vom System selbst gebrochen werden, zeigt eigentlich wie kaputt und unschlüssig es ist. Ich argumentiere ja auch nicht, dass Gott flüchtende Menschen schützen würde, wenn ich nicht an Gott glaube. Aus marxistischer Sicht sollte der Fokus also auf systemischer Kritik liegen, anstatt in platte, technikfeindliche KI-Kritik abzuschlittern.
Dasselbe gilt natürlich für die Ressourcennutzung der Rechenzentren. "KI-Rechenzentren" brauchen nicht zu viele Ressourcen - es ist zwar ein nettes polemisches Argument, geht aber am wichtigsten Punkt vorbei1. Rechenzentren bedienen zum einen selten nur "KI"-Anwendungen. Wir haben auch schon gesehen, dass eine "KI"-Anwendung mehr sein kann als nur ChatGPT. Nicht vergessen sollte man aber, wie viele Rechenzentren (auch kleinere) notwendig sind um den internationalen Finanzmarkt am Laufen zu halten. Alleine Kreditkartentransaktionen verbrauchen jährlich fast viermal so viel Energie wie ganz Österreich. Auch fragt niemand danach, wieviel Ressourcen die globale Marketing-Industrie oder Suchanfragen bei Google kosten - das scheint uns notwendig und normal. Die Frage ist also nicht "verbrauchen diese Rechenzentren zu viel Strom?" sondern "werden sie sinnvoll genutzt?". Wenn die Nutzung auf die Entwicklung von Impfstoffen, die Berechnung von Klimaschutzmaßnahmen oder die Koordination des Baues von Klimaflüchtlings-Unterkünften fällt, würden wir uns diese Frage nicht stellen. Das brauchen wir. Den internationalen Kapitalmarkt mit der einzigen Aufgabe, Kapital anzuhäufen, brauchen wir nicht.
Wer ist also Schuld an all diesen Problemen? Die Arbeiterin, die KI in ihrer Freizeit neben dem 40-Stunden-Job verwendet, um Flyer für Demos zu produzieren für die sie sonst Stunden brauchte? Oder doch die Altmans, Bezos, Musks, Trumps und Co. dieser Welt?
Humanismus und Technik
Sobald man auf diese Problematiken hingewiesen hat, werden Argumente wie diese entgegnet:
Im Kunstsektor hat KI nichts verloren. Nur Menschengemachtes ist kreativ. KI produzierte Dinge sind wertlos und schlecht. Durch KI verfällt unsere Kreativität und unser Menschsein. KI macht uns alle dumm.
... und deshalb sei es moralisch geboten, KI zu boykottieren, oder nur auf gewisse Art und Weise einzusetzen, etc. Das Problem dieser Argumente ist, dass sie sich an der vorherrschenden Ideologie im Kapitalismus orientieren und sich damit selbst bestätigen.
Aber zuerst zur Kunst: Weil KI als etwas fundamental Neues und Anderes wahrgenommen wird und uns scheinbar ersetzt und obsolet macht, ist sie eine Bedrohung für jene, die sie ersetzt. Auf einmal sind wir alle besorgt darum, dass unseren Lieblingskünstler:innen die kapital-wirtschaftliche Basis ihrer Existenz entzogen wird. Dass sie in einem Morast an "schlechtem" Content untergehen und keine Chance mehr haben berühmt zu werden und sich damit ihre Existenz zu sichern. [Ich lasse das mal sacken.]
Dieselben Menschen die so argumentieren, verwenden Spotify, Deezer und Youtube, kopieren sich Bilder von Google als Hintergrundbilder, schauen ihre Serien und Filme über Gratisportale oder Netflix oder "kaufen" ihre Spiele auf Steam - das meiste der Einnahmen wird von diesen Konzernen beschlagnahmt. Künstler:innen mussten zudem selbst vor "KI-Musik" mehr machen, als nur Musik um tatsächlich bekannter zu werden und Geld zu verdienen. Die kleine Garagenband, die sich hochgearbeitet hat, ist ein romantisiertes Bild das es so kaum gibt. Künstler:innen wird seit Anbeginn des Kapitalismus ihre Lebensgrundlage entzogen. Die "Güter" die sie produzieren (geistiges Eigentum) sind nach der Produktion im arbeitswerttheoretischen Sinne wertlos, weil sie ohne Kosten kopiert werden können - sie sind nichtrivalisierend: die Kopie nimmt niemandem etwas weg, auf das dann kein Zugriff mehr bestünde. Das Kernprinzip des Kapitalismus schlägt also auf die Künstler:innen ein - dasselbe Prinzip übrigens, das Care-Arbeit im Kapitalismus "wertlos" macht, obwohl sie unumgänglich und arbeitsintensiv ist.
Aber KI ist etwas Anderes, das ist etwas ganz Neues. Es hat sogar im Kapitalismus schon ähnliche Situationen gegeben, in denen dieselben Ängste aufkamen: Als die Kamera entwickelt wurde schlug die Angst vor der kompletten Vernichtung der Malerei um sich - und trotzdem haben wir heute immer noch Künstler:innen die Furries zeichnen (es wäre eine triste Welt ohne euch). Generative KI ist in dieser Hinsicht nur das neueste Werkzeug das wir benutzen können. Dazu aber mehr im Abschnitt zur "Demokratisierung".
Moraldebatten kann man jederzeit führen, nur bringen sie uns politisch nirgendwo hin. Der Kapitalismus ist heute so allumfassend, dass wir alle darin gefangen sind. Wir waren alle schon illegale Fans. Gemeingüter sind die Basis menschlicher Existenz und gerade "geistige" Gemeingüter - Musik, Geschichten, Bilder, Ideen, etc. - waren Jahrtausende Grundbestandteil unserer Gesellschaften. Kulturen haben sich gebildet, indem diese Dinge geteilt, adaptiert und kombiniert wurden - nicht indem man sie hinter Paywalls versteckt hat. Bis zum Kapitalismus gab es kein Konzept geistigen Eigentums. Moraldebatten über geistiges Eigentum sind also dediziert Debatten aus der Sicht des Kapitals - wer den Kapitalismus also bekämpfen will, beruft sich nicht darauf.
Das bringt mich zum wahrscheinlich wichtigsten (und am meisten emotionalisierten) Punkt dieser Debatten:
Nur Menschengemachtes ist kreativ. KI produzierte Dinge sind wertlos und schlecht. Durch KI verfällt unsere Kreativität und unser Menschsein. KI macht uns alle dumm.
Nach so viel selbst Geschriebenem darf ich mir eine Zeile von Marx ausborgen:
Bedarf es tiefer Einsicht, um zu begreifen, daß mit den Lebensverhältnissen der Menschen, mit ihren gesellschaftlichen Beziehungen, mit ihrem gesellschaftlichen Dasein, auch ihre Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit einem Worte auch ihr Bewußtsein sich ändert? [...] Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.
Die neue bürgerliche herrschende Klasse hat mit dem Beginn des Kapitalismus eine Ideologie gefunden, die diesen Status Quo perfekt verteidigt. Sie ist zur herrschenden Idee des Westens geworden; sogar so herrschend, dass sie selbst in der radikalen Linken noch um sich greift und Verwirrung stiftet sobald es um Moral, Kreativität oder Bewusstsein geht. Viele nennen sie sogar eine Philosophie und schreiben Bücher darüber die nichts aussagen, außer, dass das Individuum das Allerheiligste ist. Die Rede ist vom Humanismus.
Der Humanismus geht davon aus, dass jeder Mensch, als Individuum im Zentrum der eigenen Welt steht. Vor allem aber definiert er den Menschen als ein abgeschlossenes System, das seiner Umwelt gegenübersteht, ihr begegnet. Interaktion mit der Umwelt und anderen ist zwar möglich, aber im Zentrum steht ein abgeschlossenes Ego/Ich, das sich gegen eine fundamental feindliche Umwelt wehren muss, die diesen Menschen schlussendlich tötet. (Todesfälle sind deshalb in der Regel Trauermomente statt Momente der Feier.) Man muss "sich selbst treu bleiben" denn Abhängigkeit von Umwelt oder Anderen zeugt von Schwäche, bei rechten Interpretationen zeugt sie sogar von einer gestörten Natur dieses Menschen. In fast allen Lebensbereichen äußert sich das durch eine Vereinzelung und das Besingen einzelner "großer" Individuen, die scheinbar nicht von gesellschaftlichen Zwängen oder äußeren Umständen abhängig waren.
Mit dem Kapitalismus bekommt diese Individualisierung eine noch viel wichtigere Rolle: der eigenständige, unabhängige, hochgebildete Mann wird zum höchsten Ideal der Gesellschaft. Einer Gesellschaft aus ebenso unabhängigen anderen Menschen. Diese Idealisierung eines "perfekt aufgeklärten, eigenständigen Individuums" ist die intelektuelle Basis von Individualisierungsargumenten. "Die meisten Menschen sind zu wenig aufgeklärt", "der aufgeklärte Konsument sollte...". Wenn der Kapitalismus also ein Problem erzeugt, beispielsweise Plastiksäcke, ist der aufgeklärte Konsument verantwortlich dafür, keine zu kaufen.
Eine zweite wichtige Komponente im Humanismus ist die bürgerliche Bildung. Aus dem Gedanken der Aufklärung heraus entstanden und sich als universitäre Bildungsbewegung etabliert, kommt im Humanismus der formalen, bürgerlich schulischen Bildung ein enormer Stellenwert zu. Bildung ist demnach der Schleifstein für den heiligen, unantastbaren, unvergleichbaren Intellekt des Menschen. Das Lob des individuellen Menschen geht dabei soweit, dass über Jahrhunderte allen anderen Lebewesen (und manchmal auch entmenschlichten Menschen) sowohl Bewusstsein als auch Kreativität abgesprochen wurde. Wir können uns meistens nichteinmal vorstellen, dass viele Tiere eine Art von Bewusstsein haben und Kreativität sowohl im Tierreich als auch beim Menschen weit verbreitet ist. Bewusstsein ist im Humanismus egozentrisch - es kann keine andere Form geben (das ist im übrigen auch ein Grund, warum sich viele in der Präsenz von neurodivergenten Personen unwohl fühlen - wir können ja nicht wissen, was diese Art von Bewusstsein als nächstes macht - sie ist nicht mit humanistischer Ratio gesegnet). Auch Kreativität als höchster Ausdruck menschlicher Tätigkeit ist unseren Eliten und Helden vorbehalten.
Und hier kommen wir zu den Argumenten "nur Menschen können kreativ sein/können Kunst schaffen" und "KI macht uns alle dumm". Plötzlich haben wir mit KI nämlich ein System das Dinge produzieren kann, das kreativ aussieht, das schlau wirkt - das objektiv ein besserer humanistischer Mensch ist, als wir alle; das Universalgenie. Wir wissen inhärent, dass es gefährlich ist, nicht menschlich zu sein: Tiere halten wir in Futter- und Tötungsfabriken. Entmenschlichung hat zu den schlimmsten Gräueltaten der Geschichte geführt. Wenn jetzt etwas kommt, das alle unsere heiligsten Qualitäten besitzt, für was braucht es uns dann noch? Haben wir den perfekten Humanisten und damit den perfekten Menschen geschaffen? Wir fürchten uns davor selbst entmenschlicht zu werden.
Die Lösung? Entmenschlichung der Maschine. KI kann nicht bewusst sein. KI kann nicht kreativ sein. KI ist nicht schlau. Und trotzdem geht die Angst um: Wenn Studien herausfinden, dass KI generierte Texte besser ankommen und lieber gelesen werden, als menschlich geschriebene (zumindest solange uns nicht bewusst ist, dass es KI ist), sind wir schockiert. Was passiert jetzt nur mit der Menschheit?
Dabei ist das alles - der gesamte Humanismus - nichts Anderes als ein ideologischer Überbau des Kapitalismus. Nichts daran lässt sich wirklich herleiten oder beweisen. Nichts daran ist praktikabel. Einzig und allein der kapitalistischen Profitgier und dem transhumanistischen Ideal von schneller, höher, weiter dient dieses Konstrukt, in dem ein Mensch an und für sich selbst existiert, ohne Umwelt, ohne Andere - ganz allein im leeren Raum.
Die postrevolutionäre Linguistik- und Bewusstseinsforschung in der frühen Sowjetunion war sich dessen bewusst. Anti- und posthumanistische Menschen- und Weltbilder finden sich überall ... bis Stalin sie einstampft. Es ist an der Zeit den Humanismus aus dem Marxismus (und generell der Linken) zu vertreiben. Was macht es für einen Unterschied, ob KI Bilder produzieren kann? Es macht einen Unterschied, weil der Kapitalismus daraus Profit schlägt, aber für die Betrachter des Bildes ist es irrelevant - sie machen sich ihre Gedanken dazu, egal woher es kommt.
Viel wichtiger zu unterscheiden ist, ob es sich bei dem produzierten Ding um Content oder Kunst handelt. Content wird aus kapitalistischen Gründen produziert und verbreitet. Kunst aus einem menschlichen Bedürfnis heraus etwas zu schaffen/auszudrücken. Welches Instrument ich für diesen Ausdruck, für dieses Schaffen verwende ist irrelevant - auch wie gut/ansprechend das Resultat ist. Es gab lange vor KI-Slop subjektiv schlechte Bilder und Musik. Aber wenn KI als Instrument des Ausdruckes verwendet wird, unterscheidet sie sich zum Pinsel oder der Gitarre nur darin, vor welchem Gerät man sitzt um sie zu verwenden. Ich muss trotzdem lernen mit dem Ding umzugehen. Limitationen hat beides.
Demokratisierung
Bei diesem Gedanken möchte ich noch bleiben. Generative KI ist ein mächtiges Instrument. Sie wirkt einfach verwendbar, aber wer schon mal versucht hat, etwas wirklich Beeindruckendes zu produzieren, weiss wie viel Arbeit das sein kann. Humanisten regen sich gerne über Dinge auf, denen scheinbar zu wenig Mühsal und Aufopferung innewohnt - Popmusik wird oft verschrien, KI Bilder und Musik sowieso, Kunst die "nur" ein roter Punkt auf einer Leinwand ist, etc.
Die derzeitige Flut an KI-generiertem Content/Kunst ist deshalb ein riesiges Problem. "Menschen werden Faul". Abgesehen davon, dass dieser "Aufopferungsgedanke" extrem reaktionäre Untertöne besitzt, ist diese titulierte Faulheit und Verdummung einfach nicht wahr. Wenn überhaupt, haben Bild-, Musik- und Textgeneratoren zu einem nie dagewesenen kreativen Schub geführt. Menschen die nie ein Instrument lernen konnten machen Lieder. Menschen die sich nie die Zeit genommen haben zu malen, produzieren aufeinmal Phantasielandschaften für ihre Rollenspiel-Abende.
Menschen - und hier bekomme ich meistens ein pseudo-weises Nicken, das darauf hindeutet, dass man sich ertappt fühlt - Menschen, die keine Stimme haben, können Lieder produzieren, in denen gesungen wird. Legastheniker und Menschen mit schlechten Sprachkenntnissen können Texte produzieren, die begeistern.
Musizieren, bildliche Darstellung und Texten werden durch generative künstliche Intelligenz auf nie dagewesenem Level demokratisiert. Oh nein, nicht mehr nur unsere Besten können jetzt Kunst machen. Tja. Blöd. Das jetzt vielleicht aufkommende Gefühl, dass damit die Kultur den Bach hinuntergeht ist im übrigen auch ein reaktionär humanistisches. Es ist dasselbe, das aufkommt, wenn beklagt wird, dass Sprachen sich verändern und verschwinden. Dass diese Technologie dazu führen würde, dass nur mehr Müll produziert wird ist eine, auf heiße Luft gestützte These.
Wenn Menschen die Möglichkeit bekommen sich unmittelbar und einfach mit etwas auseinanderzusetzen, das ihnen kreatives Schaffen ermöglicht, führt das normalerweise nicht dazu, dass ihre produzierte Kunst sich nie qualitativ verbessert. Generative Systeme sind der erste Schritt, danach feilt man an dieser und jener Sache und nach Zig Versuchen, wird doch Photoshop verwendet, um ein Detail zu verändern. Menschen sind neugierig und wenn sie nicht mit dem fruchtbarsten konfrontiert werden, das die kapitalistische Gesellschaft zu bieten hat (einem autoritären, seine Ideale verbreitenden Lehrer, der sämtliche Lust, sich mit einem Thema zu beschäftigen, im Keim erstickt), ist ein neues Instrument, ein neues Werkzeug nur der Anfang einer langen Reise. So hat die Menschheitsgeschichte schließlich auch begonnen.
Individuelle Verantwortung
Noch ein Wort zur "individuellen Verantwortung" und Boycotts: Natürlich haben viele im Westen die Möglichkeit "bewussten Konsum" zu betreiben. Natürlich können sich viele entscheiden ob sie Kleidung auf Shiyn bestellen, Second Hand kaufen, sich vegan ernähren oder KI "nur für wichtige Dinge" einsetzen. Man kann sogar andere für ihr Konsumverhalten kritisieren. Daraus entsteht aber kein Anspruch auf moralische Überlegenheit oder gar Richtigkeit dieser Argumentation. Zum einen haben nicht alle die Möglichkeiten diese Entscheidung zu treffen. Das bedeutet zuallererst, dass die damit gewählte Strategie keine gute ist, weil dann immer Einzelfallentscheidungen getroffen werden müssen. Zum anderen entfremdet und brennt uns der Kapitalismus aber vollständig aus. Das führt dazu, dass (selbst wenn die Möglichkeit bestünde Kleidung nicht auf Shyin zu kaufen oder KI nicht zu nutzen) Menschen oftmals die mentale Kapazität und Motivation fehlt, sich kritisch mit ihrem Konsum auseinanderzusetzen. Das ist keine Dumm- oder Faulheit sondern schlichtweg das Resultat des Systems das wir gebaut haben.
Das System Kapitalismus ist funktioniert dann perfekt, wenn es uns einreden kann, dass wir dieses und jenes brauchen, dass wir das neue Tool verwenden sollen, etc. weil es in diesem Moment Profite erzeugt. Die Menschen, die Opfer der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, des Ausbrennenes ihrer Lebensfreude und schließlich noch des kapitalistischen Warenfetisches werden vorzuwerfen sie hätten das besser machen können ist ein klassischalles Beispiel für Opfer-Täter-Umkehr.
Schlimmer ist dieses Argument nur noch, wenn es als hoffnungsvolle politische Strategie verwendet wird: Alle können durch bewussten Konsum einen Beitrag leisten die Welt besser zu machen. An argument sponsored by BP (siehe CO2-Fußabdruck). Wer Kapitalismus als problematisches System erkennt, muss erkennen, dass individuelle Entscheidungen einem strukturell ausbeuterischen und zerstörerischen System keinen Schaden zufügen. Schön und gut wenn man auf dies und jenes verzichtet - hunderttausende andere machen das nicht. Das Argument zu Ende gedacht: Wenn wir alle darauf verzichten würden.... dann könnten wir auch gleich alle den Kapitalismus abschaffen der das Hauptproblem ist. Individual, moralische Argumente sind immer eine Ausrede die eigene Energie nicht in organisiert politische Bahnen zu lenken; immer eine Ausrede bei der das System zwar kritisiert wrid, die logische Konsequenz der Zerstörung dieses Systems aber nicht gezogen wird. Ja, es ist problematisch, wenn ChatGPT anstatt einer Google Suche verwendet wird. Eine Google Suche selbst ist ressourcentechnisch schon problematisch. Die Verwendung des Internets allein kann dann hinterfragt werden. Es wäre aber wichtiger gegen den Massenmord im Mittelmeer, die Sklavenarbeit in Cobalt Minen oder die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch Krieg und Klimawandel einzutreten, für die die USA, die EU und Konzerne verantwortlich sind. Wenn wir dieses System zerstört und die Verantwortlichen dafür zur Rechenschaft gezogen haben, dann können wir darüber diskutieren wie die Rechenzentren verwendet werden - dann stellt sich die Frage ob ich Suno verwenden darf nicht mehr.
Bewusster Konsum ist weder moralische oder intelektuelle Überlegenheit noch Widerstand gegen das System. Wenn überhaupt, ist er eine Duldung und Verteidigung des Kapitalismus im humanistischen Gewand der vollkommenen politischen Passivität.
Conclusio
Was diese Technologie leisten kann ist das, wovon Marx und auch kapitalistische Theoretiker geträumt haben. Sie hat die Macht, Arbeit in einem Ausmaß zu automatisieren, das wir uns nie erträumt hätten - Programmierer:innen dachten immer 'wir werden als letztes ersetzt'. Wir werden das Potential von KI brauchen, wenn wir die nächsten zwei Jahrhunderte überleben wollen. Was uns tatsächlich bedroht, ist der Kapitalismus. Ein System, das nur durch Akkumulation, Konkurrenz, Ausbeutung und permanente Rüstungswirtschaft am Leben gehalten wird, kann uns nicht aus der Krise ziehen, in die es uns manövriert hat.
Um nochmal die reaktionäre Technikfeindlichkeit anzugreifen: Kapitalismus hat uns einerseits die Technologien und andererseits die Klassengesellschaft gegeben, die wir brauchen, um ihn zu zerstören. Die Arbeiter:innenklasse hatte noch nie so viele Möglichkeiten zur Kommunikation, zur Organisation und zur politischen Agitation wie heute. Kapitalismus war noch nie so weitverbreitet wie er heute ist. Wir müssen nur 1 und 1 zusammenzählen ... und das kann sogar die "dumme", "unkreative" KI.
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Notiz bezüglich Ressourcennutzung: Es ist notwendig zu erwähnen, dass die Ressourcennutzung duch kapitalistisch orientierte, profitgenerierende KI derzeit stark ansteigt und weiter ansteigen wird. Dabei spielt sowohl die Ausbeutung der Rohstoffe, Wasser sowie der Minenarbeiter:innen als auch die externalisierten Abfallprodukte (Hitze, CO2 für den Bau, etc.) eine Rolle für den Klimawandel. Wichtig zu sehen ist aber, dass wiederum nicht das Rechenzentrum an und für sich das Problem darstellt, sondern der das Rechenzentrum nutzende kapitalistische Akteur.
Aus marxistischer Perspektive sollte man sich für jeden Euro Pendlerpauschale und jedes bäuerliche Dieselprivileg einsetzen, weil es sich bei deren Verminderung um staatlichen Klassenkampf gegen die Arbeiter:innenklasse handelt. Aus demselben Grund sollte die Frage der Ressourcennutzung von KI derzeit nicht auf die Schultern einzelner Individuen übertragen werden. Kritik an den Unternehmen, die diese Ressourcen ausbeuten, sollte trotzdem geübt werden, genauso wie jeder lokale Kampf gegen Rechenzentren solidarisch unterstützt werden sollte.
Die Lösung des Ressourcen Problems ist im Kapitalismus aber letztlich unmöglich. Die Einzige Möglichkeit ist, die desaströse Mechanik durch eine internationale sozialistische Revolution aus der Welt zu schaffen. Dann wird die Frage der Ressourcennutzung (sprich „Wer bekommt für was wieviel Rechenzeit“) eine unmittelbar gemeinschaftspolitische. Dann kann von der Gemeinschaft direkt ausverhandelt werden, wieviel Rechenzeit wissenschaflichen Institutionen und wieviel der Bevölkerung für generative KI bereitgestellt wird. Im Kapitalismus wird diese Frage stets eine des Profits einzelner Akteure sein. ↩