Hat die Harzer Schmalspurbahn eine Zukunft?
April 6, 2026•1,137 words
Die Harzer Schmalspurbahnen gehören für viele zum Harz wie der Brocken. Seit weit über 100 Jahren gibt es Schmalspurverkehr in Deutschlands nördlichstem Mittelgebirge. Erst waren es private Eisenbahnunternehmen, später die Deutsche Reichsbahn (DR) und schließlich die Harzer Schmalspurbahnen GmbH, die zwischen Wernigerode, Nordhausen und Quedlinburg Züge fahren ließen. Bis heute sind dort regelmäßig Dampfloks unterwegs - eine Seltenheit auf Deutschlands Schienen.
Wie lange der Betrieb in seiner jetzigen Form aufrecht erhalten werden kann, erscheint fraglich. "Die Situation der HSB ist hochgradig kritisch", fasste ein Gutachten die finanzielle Lage des Unternehmens im vergangenen Herbst zusammen. Über Jahre sei zu wenig investiert worden. In den nächsten zwei Jahrzehnten werden voraussichtlich rund 800 Millionen Euro nötig, um die Instandhaltungsrückstände auszuräumen. "Zu den wichtigsten Vorhaben zählen die gründliche Instandsetzung des Streckennetzes (einschließlich der Brockenbahn), der Umbau der Kreuzungsstation Goetheweg zu einem Durchgangsbahnhof, die Elektrifizierung des Abschnitts Nordhausen Nord - Ilfeld, die Remotorisierung von vier Diesellokomotiven der Baureihe 199.8, der Umbau von sechs Dampflokomotiven der Baureihe 99.23–24 auf Leichtölfeuerung und die Beschaffung neuer, moderner Triebwagen." fasste Dirk Endisch die nötigen Vorhaben in einem Artikel für das Eisenbahn Magazin zusammen. All diese Maßnahmen kosten viel Geld - Geld, das die HSB selbst kaum aufbringen kann. "Wir sind nicht in der Lage, die notwendigen Investitionen zu finanzieren", gab Geschäftsführerin Katrin Müller zu.
Das Netz der HSB besteht aus drei Teilen: Der Harzquerbahn von Wernigerode nach Nordhausen, der Selektalbahn von Quedlinburg nach Hasselfelde und der Brockenbahn, die den höchsten Berg des Harzes mit Wernigerode verbindet. Letztere ist nicht nur der bekannteste Abschnitt, sondern auch das finanzielle Zugpferd. 2017 waren 600.000 der insgesamt über eine Millionen Fahrgäste auf der Brockenbahn unterwegs. Im Gegensatz zum Rest des Netzes gilt das Deutschlandticket dort nicht. Wer auf den Brocken möchte, muss vergleichsweise tief in die Tasche greifen: Nach zwei Preiserhöhungen im Jahr 2025 kostet ein Ticket für die Hin- und Rückfahrt ohne Ermäßigung 65 Euro. Auf dem Brocken wird das Geld verdient, unterhalten muss die HSB das gesamte Steckennetz. Trotz eines Rekordumsatzes von 15,5 Millionen Euro fuhr das Unternehmen 2024 einen Verlust von über fünf Millionen Euro ein.
Aufgehen kann diese Rechnung nur Dank Unterstützung au der Politik. 2021 schlossen die Bundesländer Sachsen-Anhalt und Thüringen eine Rahmenvereinbarung mit der HSB. Allein Sachsen-Anhalt bestellte über 14 Jahre rund 510.000 Zugkilometer jährlich. Das Gesamtvolumen des Vertrages beträgt 90 Millionen Euro. Für 2026 und 2027 sagte das Land der HSB zusätzlich rund 11 Millionen Euro jährlich zu. Das Geld soll nicht nur helfen, den Kostendruck zu senken, sondern auch für die Deckung von Investitions- und Betriebskosten eingesetzt werden. Im März gab es mehrere Millionen für notwendige Gleisarbeiten.
Die finanzielle Unterstützung zeige, dass die Landesregierung hinter den Schmalspurbahnen stehe, sagte die Verkehrsministerin von Sachsen-Anhalt, Lydia Hüskens (FDP), im Herbst 2025 in einer Landtagsdebatte. Die Streckenförderung pro Kilometer liege inzwischen deutlich über dem Durchschnitt. Während das Land jeden Kilometer, der auf der Schiene gefahren wird, mit 15,40 Euro unterstützt, werden bei der HSB für jeden Kilometer 47 Euro fällig. "Die Harzer Schmalspurbahnen müssen sich natürlich auch ein Stückchen messen lassen mit dem übrigen ÖPNV im Land", sagte die Ministerin in ihrer Rede vor dem Landtag. Sie erwarte "ein Stückchen mehr Kreativität und das Anfassen von einzelnen Strecken." "Muss ich tatsächlich alles in der gleichen Traktion bedienen wie bisher? Ist es nicht bei manchen Dingen einfach sinnvoller, sich zu überlegen, passt das nur in der Saison oder in Saisonteilen? Macht es vielleicht nur am Wochenende Sinn?" Falko Grube vom Koalitionspartner SPD schlug in eine ähnliche Kerbe. Zwar betonte der Vorsitzende des Verkehrsausschusses, dass es einen Harz ohne Schmalspurbahnen nicht geben dürfe. Einen "Blankoscheck" könne man aber ebenso wenig ausstellen. Er sehe den Aufsichtsrat und die Gesellschafter in der Pflicht.
Auf diese könnten schwierige Entscheidungen zukommen. Das erwähnte Gutachten empfahl der HSB die Einstellung der vergleichsweise gering frequentierten Selketalbahn. So weit wird es wohl vorerst nicht kommen. Die anliegenden Städte Oberharz am Brocken, Harzgerode und Quedlinburg sind Gesellschafter der GmbH. Sie könnten ausscheiden, sollte sich die HSB von der Selketalbahn trennen. "Damit wird die Gesellschafterstruktur der HSB zerstört", so Aufsichtsratschef Thomas Balcerowski. Regelmäßige Fahrten mit der Dampflok seien jedoch "nicht zwingend notwendig." Statt eines Regelverkehrs könnte es dort in Zukunft nur noch einzelne touristische Fahrten geben. "[D)ie Stilllegung von Strecken wäre ein touristischer Kahlschlag, den wir uns so nicht bieten lassen können.", betont auch Marcus Weise (CDU), Bürgermeister von Harzgerode, "Wir reden hier nicht nur über Arbeitsplätze bei der HSB, sondern wir reden generell über Arbeitsplätze im gesamten Tourismus."
Auch abseits der Selketalbahn steht einiges auf dem Prüfstand. Die Sonderzahlungen des Landes sind an Bedingungen geknüpft. Die HSB soll nicht nur eine Machbarkeitsstudie über die Elektrifizierung des Netzes in Auftrag geben, sondern auch das Konzept der neuen Werkstatt in Wernigerode überprüfen. 2022 eröffnet, sollten dort eigentlich die regelmäßigen Hauptuntersuchungen der Dampfloks durchgeführt werden. Auch Umrüstungen auf Leichtöl waren angedacht. Beides kann der Neubau aktuell nicht leisten. Im übertragenen Sinne sei die Werkstatt nur für "Laubsägearbeiten" geeignet, schrieb der MDR im vergangenen Jahr. Auch Einsparkonzepte sind gefordert. Schon bald könnte es im Harz deutlich weniger dampfbetriebene Fahrten geben.
Sparen ist derweil nicht der einzige Weg aus der Krise. Die HSB will expandieren. Schon seit längerem verfolgt das Eisenbahnunternehen die Idee, den Urlaubsort Braunlage im niedersächsischen Teil des Harzes an das Netz anzuschließen. Südwestlich des Ortes Elend soll ein Stichgleis von der Harzquerbahn abgehen. Die Stecke würde an der Bundesstraße 27 entlangführen und schließlich in einem neuen dreigleisigen Bahnhof an der Talstation der Wurmbergseilbahn enden. Anfang 2026 wurde das Ergebnis einer Machbarkeitsstudie veröffentlicht. Bis zu 260.000 zusätzliche Fahrgäste und 4 Millionen Euro Umsatz seien demnach möglich. Dem gegenüber stünden Baukosten von rund 42 Millionen Euro. "Wenn wir die HSB-Bestandsstrecken sanieren, wäre es aus wirtschaftlicher Sicht töricht, den Abstecher von fünf Kilometern nicht zu bauen", so Aufsichtsratsvorsitzender und Landrat Thomas Balcerowski (CDU). Sollten die nötigen Fördermittel zusammenkommen, könnte in gut zehn Jahren der erste HSB-Zug nach Braunlage rollen.
Die Zukunft der HSB könnte nicht zuletzt von der Frage abhängen, was genau sie eigentlich ist. Ist sie eine Museumsbahn mit regelmäßigen Fahrten? Ein "technisches Kulturerbe", dessen Erhaltung "kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit" sei, wie Detlef Gürth (CDU) im Landtag betonte? Ein Touristenmagnet, der Menschen nach Sachsen-Anhalt bringt? Oder "vor allen Dingen ÖPNV", wie Verkehrsministerin Hüskens meint? Von der Beantwortung dieser Fragen könnte abhängen, wie viel Geld die öffentliche Hand in Zeiten leerer Kassen für die Schmalspurbahn in die Hand nehmen kann.
Quellen:
Harzer Schmalspurbahnen: Finanzierung für die nächsten zwei Jahre gesichert, https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/magdeburg/hsb-finanzierung-fuer-zwei-jahre-gesichert-102.html
HSB vor tiefgreifendem Wandel, Zukunft der Selketalbahn ungewiss, https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/magdeburg/hsb-finanzierung-fuer-zwei-jahre-gesichert-102.html
Harzer Schmalspurbahnen schauen auf ein erfolgreiches Jahr 2017 zurück, https://www.faust-brocken.de/wp-content/uploads/2021/07/Harzer-Schmalspurbahnen-2017.pdf
Ticket-Preise erhöht: Fahrten mit der Brockenbahn werden teurer, https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/harzer-schmalspurbahn-erhoeht-erneut-die-ticket-preise,aktuellbraunschweig-892.html
Sachsen-Anhalt und Thüringen schließen Verträge mit der HSB, https://www.nasa.de/presse/aktuell/detail/news/sachsen-anhalt-und-thueringen-schliessen-vertraege-mit-den-hsb
Zukunft der Harzer Schmalspurbahnen sichern - Kulturerbe erhalten, Mobilität gestalten - Aktuelle Debatte, https://www.landtag.sachsen-anhalt.de/44-sitzungsperiode#/%23/?accordion=0&accordionPlenar=4&accordionVideo=0
Können die Harzer Schmalspurbahnen gerettet werden?, https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/koennen-die-harzer-schmalspurbahnen-gerettet-werden,harzerschmalspurbahn-100.html
Mit der Schmalspurbahn rübermachen ... und zurückkommen?, https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/harz/hsb-plaene-studie-100.html
Harzer Schmalspurbahnen erhalten Millionen für Gleisarbeiten, https://bahnblogstelle.com/250923/harzer-schmalspurbahnen-bekommen-millionen-fuer-gleisarbeiten/