Architektur gegen alle
March 5, 2026•1,401 words
Anfang 2021 sahen die Poller am Hansaplatz im hamburgischen St. Georg plötzlich anders aus. Auf den großen zylinderförmigen Säulen, die vorher groß genug gewesen waren, um bequem auf ihnen zu sitzen, hatte die Bezirksverwaltung kleine Metallkugeln angebracht. Es habe Beschwerden über Lärmbelästigung und Alkoholkonsum gegeben, ließ eine Sprecherin des Bezirks auf Anfrage der taz verlauten. Die Metallkugeln sollten dieser unsachgemäßen Nutzung der Poller nun ein Ende bereiten.
St. Georg steht mit solchen Maßnahmen, für die sich der Ausdruck „Hostile Architecture" entwickelt hat, nicht alleine da. Überall auf der Welt werden öffentliche Orte so gestaltet, dass Bürgerinnen und Bürger von bestimmten Tätigkeiten abgehalten werden. Metallene Stacheln verhindern das Sitzen in Hauseingängen. Armlehnen machen das Liegen auf Bänken unmöglich. Kleine Hindernisse sorgen dafür, dass sich Kanten nicht mehr eignen, um an ihnen Skateboard-Tricks zu üben.
Sogar Licht kommt zum Einsatz: 2009 installierten Anwohner einer Siedlung im britischen Nottinghamshire unter drei Unterführungen pinke Lampen. Sie sollen Hautunreinheiten hervorheben und Teenager so davon abhalten, im Wohngebiet „herumzulungern". „Wir hatten Probleme mit Alkoholkonsum bei Minderjährigen, Drogenhandel, unsozialem Verhalten und generell mit Bedrohungen", sagte ein Anwohnervertreter der BBC, „Ich war anfangs etwas skeptisch gegenüber den rosa Lichtern, aber es hat sich gelohnt. Wir müssen an unsere Einwohner denken, schließlich müssen wir hier leben." Die neue Beleuchtung stieg nicht bei allen auf Begeisterung. Sie diskriminiere nicht nur Jugendliche, sondern alle Menschen ohne makellose Haut, gab Peta Halls von der National Youth Agency zu bedenken. Junge Menschen hätten „ein Recht darauf, sich zu versammeln, das gehört dazu, wenn man ein Teenager ist, und die meisten jungen Leute sind gute, gesetzestreue Menschen."
Die pinken Lampen von Nottighamshire offenbaren das wahrscheinlich größte Problem der „Hostile Architecture": Sie richtet sich primär gegen Bevölkerungsgruppen, die als unangenehm oder störend empfunden werden und denen (sichere) Aufenthaltsorte fehlen. Öffentlicher Raum, der eigentlich allen zugänglich sein sollte, wird stattdessen von wenigen, meist gut organisierten Interessen beansprucht. Besonders Obdachlose sind häufig Ziel dieser Maßnahmen. Bügel oder Armlehnen verhindern, dass sie sich auf Bänke legen können. Stacheln, Gitter oder laute Musik vertreiben sie aus Hauseingängen. „Der Einsatz feindseliger Architektur und anderen Maßnahmen gegen Obdachlose ist ein trauriges Zeugnis dafür, wie wir mit den schwächsten Menschen in unserer Gesellschaft umgehen", sagte Matt Downie von der Hilfsorganisation Crisis gegenüber der Webseite Independent, „Obdachlosigkeit ist schon verheerend genug, ohne dass die Betroffenen solche Anfeindungen ertragen müssen."
„Der Einsatz feindseliger Architektur und anderen Maßnahmen gegen Obdachlose ist ein trauriges Zeugnis dafür, wie wir mit den schwächsten Menschen in unserer Gesellschaft umgehen"
Während die offensichtlichen Maßnahmen wie etwas Metallstacheln regelmäßig für Aufschrei sorgen, bleiben die versteckteren für einen Teil der Bevölkerung häufig unsichtbar. Für die Betroffenen können die Folgen verheerend sein. "Die nächste war eine Bank in einem kleinen Park in der Nähe der Pentonville Road", schrieb Alex Andreou im Guardian über die Zeit seiner eigenen Wohnungslosigkeit, „Eine alte Holzbank, die von Tausenden von Hintern konkav und glatt gemacht wurde, unter einer Platane, deren Laub so dicht war, dass nur der hartnäckigste Regen es durchdringen konnte. Geschützt und warm, an eine Mauer gelehnt, hinter der eine Art Generator Wärme abstrahlte, war dies ein erstklassiges Plätzchen. Dann, eines Morgens, war sie verschwunden. An ihrer Stelle stand eine gewölbte Metallstange mit drei soliden Armlehnen. An diesem Tag empfand ich einen solchen Verlust." Die Stadtverwaltung hatte Andreou und allen anderen Obdachlosen einen ihrer wenigen warmen und halbwegs trockenen Plätze genommen - ohne das Problem der Obdachlosigkeitan seiner Wurzel anzugehen.
"Eine defensive Architektur signalisiert, dass Menschen, unabhängig davon, ob sie eine Wohnung haben oder nicht, nicht willkommen sind", schreib Leah Borromeo im Guardian, „Das Aufstellen von Stacheln […] löst die Probleme der Ungleichheit und der Armut nicht - es schiebt sie nur aus dem unmittelbaren Blickfeld weg, damit man sie nicht sehen muss." Und ein Problem, das eine Mehrheit der Bevölkerung nicht sieht, wird wohl kaum als gravierend wahrgenommen werden. Dabei sind Wohnungs- und Obdachlosigkeit auch in wohlhabenden Ländern wie Deutschland nicht selten. Offizielle Statistiken gibt es nicht. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. geht jedoch davon aus, dass im Jahr 2018 in Deutschland circa 678.000 Menschen wohnungslos waren, also keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum hatten. Ungefähr 41.000 von ihnen lebten ohne jede Unterkunft auf der Straße. Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl der Wohnungslosen 2018 um 4,2 Prozent an.
Entgegen anders lautender Vorurteile gibt es auch in Deutschland nach wie vor Menschen, die von äußeren Umständen in die Wohnungs- oder Obdachlosigkeit gezwungen werden. Sie haben ihre Lage weder selber verschuldet, noch freiwillig ausgesucht. „Hauptgründe für die steigende Zahl der Wohnungslosen sind für die BAG W das unzureichende Angebot an bezahlbarem Wohnraum, die Schrumpfung des Sozialwohnungsbestandes und die Verfestigung von Armut", schreibt die BAG W in einer Pressemitteilung, „Es fehlt insbesondere an bezahlbarem Wohnraum für Menschen im Niedrigeinkommensbereich, für die Menschen, die Transferleistungen beziehen und für anerkannte Geflüchtete." Wenn diese Probleme auf Jobverlust, Trennung oder Suchterkrankungen treffen, steigt das Risiko für prekäre Wohnsituationen. Angebote, die bei drohender Wohnungslosigkeit Unterstützung bieten sollen, sind häufig überlastet und mit bürokratischen Hürden verbunden. „Hostile Architecture" nimmt Menschen, die durch alle Netze der sozialen Sicherung gefallen sind, einen wichtigen Teil ihrer ohnehin schon begrenzten Handlungsmöglichkeiten.
Letztlich schadet feindselige Architektur nicht nur der intendierten „Zielgruppe". "Wenn wir es den Obdachlosen unmöglich machen, ihre müden Körper an einer Bushaltestelle auszuruhen, machen wir es auch den Älteren, den Gebrechlichen, der schwangeren Frau, die einen Schwindelanfall hatte, unmöglich", so Andreou weiter, „Indem wir die Stadt für den menschlichen Körper weniger annehmbar machen, machen wir sie für alle Menschen weniger einladend. Indem wir unsere Umwelt feindseliger gestalten, werden wir auch in ihr feindseliger." Eindrucksvoll schildert er eine Begegnung mit einer Bäckerei-Angestellten, die die Obdachlosen der Straße vor dem Geschäft mit Tieren verglich. „Es ist genau diese Sichtweise, die die defensive Architektur vertritt. Dass die Mittellosen eine ganz andere Spezies sind, minderwertig und für ihren Untergang verantwortlich. Wie Tauben, die man verscheuchen muss."
Es müsste nicht so sein. „Stellen sie sich vor, wie es wäre, wenn unsere Städte nicht defensiv, sondern bewusst einladend gestaltet wären", schrieb die Ökonomin Noorena Hertz in ihrem Buch „Das Zeitalter der Einsamkeit", „Wenn Stadtplaner […] ihren ganzen Erfindungsreichtum darauf verwenden könnten, uns zusammenzubringen statt voneinander abzugrenzen." Je mehr unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zusammenkommen, desto höher ist der gesellschaftliche Zusammenhalt. „In Nachbarschaften mit ethnischer Vielfalt haben Personen, die häufigen Kontakt mit Menschen in ihrer Nachbarschaft angeben, generell wesentlich mehr Vertrauen in andere, auch fremde Menschen", zitiert die Wissenschaftlerin aus einer in London durchgeführten Studie.
Doch gerade die Orte, an denen Menschen unterschiedlicher ethischer Herkunft oder Einkommensklasse zusammenkommen können, sind vielerorts von den Kürzungen öffentlicher Mittel am stärksten betroffen. In Folge der Finanzkrise von 2008 habe sich die Qualität der öffentlichen Dienstleistungen und der kritischen Infrastruktur vieler Länder merklich verschlechtert, schrieb Soziologe Eric Klingenberg in seinem Buch „Palace for the People". „Das Ergebnis ist überall sichtbar: Die große Mehrheit muss Systeme ertragen, die aufgrund von Überbeanspruchung und mangelnden Investitionen bröckeln. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind marode und überfüllt. Parks und Spielplätze sind schlecht gepflegt."
In Deutschland fällt die Daseinsvorsorge in den Zuständigkeitsbereich der Städte und Gemeinden. Entsprechend groß sind die regionalen Unterschiede. Während deutsche Städte insgesamt immer mehr öffentliche Grünflächen schaffen, entließen die Grünflächenämter in Berlin in den letzten Jahren zwei Drittel ihrer MitarbeiterInnen. In den alten Bundesländern stieg die Anzahl der Jugendzentren zwischen 1998 und 2012 an. Im gleichen Zeitraum musste rund ein Drittel der Einrichtungen in der ehemaligen DDR schließen. Und während in Hamburg und Sachsen über 20 Euro pro Kopf für öffentliche Bibliotheken ausgegeben werden, müssten Büchereien in Mecklenburg-Vorpommern und im Saarland mit nicht einmal zehn Euro pro Kopf auskommen. Unterstützung für strukturschwache Städte und Gemeinden könnte helfen, diese Ungleichheiten zumindest ein Stück weit auszugleichen. Statt Geld in Maßnahmen zu investieren, die Obdachlose, Jugendliche und andere „Störenfriede" von öffentlichen Plätzen vertreiben, könnten Stadtverwaltungen überall dann Orte schaffen, die Menschen zusammenbringen. Damit wäre allen geholfen.
Quellen:
Eric Klinenberg: Palaces for the People, https://www.penguinrandomhouse.com/books/557044/palaces-for-the-people-by-eric-klinenberg/
Noreena Hertz: Das Zeitalter der Einsamkeit, https://noreena.com/
Statistisches Bundesamt: Kulturfinanzbericht 2020, https://web.archive.org/web/20220930050614/https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Kultur/Publikationen/Downloads-Kultur/kulturfinanzbericht-1023002209004.pdf?__blob=publicationFile
DJI: Vom Rückzugsraum zum Bildungsort - DJI-Studie beschreibt Wandel der deutschen Jugendzentren, https://idw-online.de/de/news504342
Christian Hönicke & Laura Hofmann: Überstrapaziert und vernachlässigt - Warum so viele Berliner Parks verkommen, https://www.tagesspiegel.de/berlin/warum-so-viele-berliner-parks-verkommen-6871960.html
Pressemitteilung Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V., https://www.bagw.de/fileadmin/bagw/media/Doc/2019/PRM_2019_07_30_Schaetzung_Zahl_der_Wohnungslosen.pdf
Leah Borromeo: These anti-homeless spikes are brutal. We need to get rid of them, https://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jul/23/anti-homeless-spikes-inhumane-defensive-architecture
Alex Andreou: ‘Sleeping rough opened my eyes to the city’s barbed cruelty’, https://www.theguardian.com/society/2015/feb/18/defensive-architecture-keeps-poverty-undeen-and-makes-us-more-hostile
Chris Baynes: Council branded 'inhumane' after installing metal bars on benches to stop homeless people sleeping on them, https://www.independent.co.uk/news/uk/home-news/bournemouth-council-installs-metal-bars-benches-homeless-rough-sleepers-inhumane-crisis-stuart-semple-a8186121.html
BBC: Pink lights put off spotty teens, http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/england/nottinghamshire/7963347.stm
Hagen Gersie: Den Trinkern keine Sitze, https://taz.de/Massnahme-gegen-oeffentliches-Trinken/!5752407/