Samstag, 15. Nov. 2025 at 09:07

4.1.0a.6 – Der transatlantische Schatten (2008–2014)

Wie die USA und Osteuropa die europäische Russlandpolitik prägten – oft stärker als Europa
selbst.

Zwischen 2008 und 2014 fiel eine Entwicklung zusammen,
die im europäischen Selbstbild bis heute kaum vorkommt:

Die entscheidende strategische Bewegung in Europa wurde nicht von Brüssel
getragen – sondern von Washington und den östlichen EU-Staaten.

Und die EU selbst war in diesem Prozess eher Zuschauerin als Gestalterin.


1. Der Ausgangspunkt: Bukarest 2008 – die Divergenz wird sichtbar

Beim NATO-Gipfel 2008 in Bukarest kam es zum offensten strategischen Bruch zwischen „altem“
und „neuem“ Westen seit 1990:

• Die USA (Bush jr.) drängten auf einen Membership Action Plan (MAP) für Ukraine und Georgien.

• Deutschland und Frankreich blockierten – aus Sorge vor Eskalation und wegen der ungelösten
territorialen Konflikte in beiden Staaten.

• Die osteuropäischen Staaten (Polen, Baltikum, Rumänien) unterstützten die US-Linie vollumfänglich.

Das Ergebnis:
Eine kompromisshafte Formel: „Sie werden Mitglieder werden“ – aber
ohne Zeitplan.

Dieser Satz war politisch leer –
aber geopolitisch explosiv.

Für Russland war er das Signal,
dass die Grenzen des eigenen Einflussraums endgültig in Frage stehen.

Für Osteuropa war es die Bestätigung,
dass Sicherheit nur mit den USA möglich ist – nicht mit Westeuropa.

Für die EU war es der Beginn eines strategischen Nebels, den sie nie wieder auflöste.


2. Die Politik der USA: Demokratie, Einfluss und strategische Eindämmung

Zwischen 2009 und 2014 folgte die US-Politik einer klaren, wenn auch wenig öffentlich
kommunizierten Logik:

1. Stärkung der osteuropäischen Staaten als verlässliche sicherheitspolitische Partner.
2. Unterstützung einer Westorientierung der Ukraine, auch außerhalb formaler NATO-Prozesse.
3. Eindämmung russischer Einflusszonen, insbesondere im postsowjetischen Raum.
4. Förderung politischer und zivilgesellschaftlicher Netzwerke (NED, USAID, IRI, NDI).

Die USA sahen Europa zunehmend als Raum strategischer Wettbewerbe –
nicht mehr als abgeschlossene Friedensordnung.

Das war keine Verschwörung,
sondern klassische Großmachtlogik.

Nur: Die EU ignorierte diese Logik, weil sie ihr nicht entsprach.


3. Die Osteuropäer als neue Architekten westlicher Russlandpolitik

Ab 2010 gewannen einige Staaten innerhalb der EU überproportionalen Einfluss:
Polen (unter Tusk bis 2014 moderat, danach zunehmend konfrontativ)
Litauen, Lettland, Estland
Rumänien
• später Schweden als sicherheitspolitischer Hardliner

Diese Staaten verbanden:
• historische Traumata,
• reale Sicherheitsbedenken,
• politische Nähe zu Washington,
• wachsende ökonomische Bedeutung in der EU.

Sie setzten in Brüssel zunehmend die Agenda:
Russland wurde nicht mehr als Partner gedacht,
sondern als Risiko, das man politisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch eindämmen
musste.
Das geschah lange vor der Krim 2014.


4. Der Moment Nuland – „Fuck the EU“ richtig eingeordnet

Das abgehörte Telefonat der US-Vizeaußenministerin Victoria Nuland im Februar 2014
war kein Zufall und kein Ausrutscher.

Der Satz „Fuck the EU“ hatte drei Ebenen:

(a) Die Ungeduld mit der EU-Bürokratie
Die USA frustrierten sich zunehmend daran,
dass die EU kein strategisches Gewicht entfalten konnte.

(b) Die Präferenz für die osteuropäische Linie
Nuland wollte eine härtere, klarere, pro-westliche Orientierung der Ukraine.
Brüssel zögerte.
Berlin suchte Kompromiss.
Osteuropa drängte.

(c) Eine Demonstration der tatsächlichen Machtverhältnisse
Die USA bestimmten den Takt –
die EU folgte, oft widerwillig.
Die Bedeutung des Satzes war also nicht Beleidigung,
sondern Diagnose:

Die EU hatte ihren sicherheitspolitischen Takt verloren –
und die USA handelten, wo Europa nur sprach.


5. Die EU zwischen normativer Sprache und geopolitischer Machtlosigkeit

Die EU reagierte zwischen 2010 und 2014 mit:
• Appellen,
• diplomatischen Vorschlägen,
• Partnerschaftsformaten,
• Standardpolitiken der Assoziierung.

Aber sie hatte:

• keine gemeinsame Russlandpolitik,
• keine gemeinsame Ukrainepolitik,
• keine Macht, weder militärisch noch finanziell,
• keine einheitliche strategische Zielsetzung,
• und kein gemeinsames Analysemodell.

Die EU sprach von „Reformen“,
während Russland, die USA und die osteuropäischen Staaten
in Kategorien von Sicherheit, Einfluss und Macht dachten.


6. Warum der transatlantische Schatten entscheidend war (2008–2014)

Der entscheidende Punkt:

Zwischen 2008 und 2014 entstanden zwei westliche Dreiklänge,
die die europäische Ordnung unbewusst neu organisierten:

USA – Osteuropa – Ukraine
vs.
Deutschland – Frankreich – EU

Nicht als Konflikt,
sondern als ungleiche Machtkonstellation.

Die Folge war eine strukturelle Verschiebung:
• Osteuropa wurde zum moralischen und sicherheitspolitischen Taktgeber.
• Die USA wurden wieder zur zentralen Ordnungsmacht in Europa.
• Die EU verlor die Fähigkeit zur Vermittlung zwischen Ost und West.
• Russland sah die OSZE und die Westbindung der Ukraine als existenzielle Bedrohung.

Diese Entwicklung lässt sich nicht durch „Fehler einzelner“ erklären.
Sie war das Ergebnis einer systemischen Asymmetrie,
die niemand politisch gestalten wollte –
und die doch alles bestimmte.


7. Zwischenfazit 4.1.0a.6

Der „transatlantische Schatten“ war keine geheime Einflussnahme,
sondern ein offenes Machtvakuum:
• Die USA handelten,
• Osteuropa drängte,
• Russland reagierte,
• die Ukraine zerfiel innerlich,
• und die EU verstand nicht, dass sie längst nicht mehr die Hauptfigur auf ihrer eigenen Bühne war.

Damit war die Eskalation nicht unvermeidlich –
aber absehbar.

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