[📰] Eine Woche im Kloster - Teil 1: Ein Wecker für 4€
August 27, 2026•705 words
...und das war noch zu teuer. Aber beginnen wir von vorn. Ich habe eine Woche meines derzeitigen Sabbaticals in einer Benediktinerabtei verbracht und dort in der Mönchsklausur gelebt. Vorgaben gibt es kaum, aber was ich mir selbst auferlegt habe ist eine Woche ohne Handy oder sonstigen Medienkonsum - selbst Bücher habe ich keine mitgenommen und auch die ausliegende Bibel bliebt unberührt. Einzige Ausnahme: zur Mittagshore nahm ich die benediktinischen Antiphonale mit, um am Gesang teilnehmen zu können. Abgesehen davon aber kein Input von Außen, soweit ich ihn vermeiden konnte. Das bedeutete ebenfalls wenige Gespräche, obwohl der Austausch mit den Brüdern oder Mitgästen versprach interessant zu sein und sicherlich noch mehr bereitgehalten hätte - dieses Mal aber, sollte es ein anderer Schwerpunkt sein. Und sich diesem zu widmen bringt mich auch wieder zum besagten Wecker.
Einmal eingerichtet merkte ich nämlich schon in den ersten 10 Minuten meiner Ankunft, dass ich ohne eingeschaltetes Handy keine Möglichkeit hätte eigenständig die Uhrzeit zu erfahren. Anzeiger dafür gab es nämlich im gesamten Gebäude nicht. Das Erklingen der Glocken in ihrer dafür vorgesehen Reihenfolge war mir zu dem Zeitpunkt noch wenig geläufig und als Zeitmesser zu riskant, wollte ich als dankbarer Gast die "Mönchstermine" doch nicht verpassen.
Also musste ich mich der weltlichen Sphäre ein weiteres Mal öffnen und einen Ausflug zur nahegelegenen Fußgängerzone unternehmen, um im hiesigen Woolworth eine kostengünstige Uhr zu kaufen, wodurch es sich begab, dass ich in den Besitz eines rudimentären, analogen und außerordentlich lautstarken Weckers gekommen bin.
Erwähnenswert weshalb? Zum einen, weil ich keinen Menschen kenne, der ein solches Gerät noch verwendet und es sich als sehr wichtiges Instrument herausgestellt hat, das mich täglich begleitete. Wenig handlich und auch überhaupt nicht schön anzusehen, aber es tat das wozu es gebaut wurde. Einfach und effektiv. Zum anderen, war es sehr bemerkenswert bei welchen grundsätzlichen Dingen des Alltags, das Handy die erste und letzte Anlaufstelle geworden ist. Wie zentrale Rolle es für die persönliche Organisation des Lebens einnimmt.
Das Herunterfahren meines Smartphones nach der Ankunft in der Klausur - so seltsam es sich auch lesen mag - hat sich sehr schwerwiegend angefühlt; ein wenig so wie das Abschneiden das Drahtes zur Außenwelt. Ist das nicht verrückt? Wie tiefgreifend meine Verbindung zu diesem kleinen Computer in der Hosentasche ist, wobei ich mich schon einen "bewussten Mediennutzer" schimpfen würde. Ich befand mich weiterhin in einer großen Ortschaft, hatte Kontakt zu Menschen und ein Festnetztelefon auf dem Zimmer... Wenn das bei mir schon der Fall ist, wie gesellschaftlich weitreichend sollen die Folgen für den restlichen Teil der Menschheit dann sein? Kaum auszudenken.
Ein Gedankenexperiment für euch: ihr geht abends ins Bett, ohne ein letztes Überprüfen der Handybenachrichtigungen. Auch kein Buch, das ja gemeinhin als "sinnvoller Medienkonsum" verstanden wird, nehmt ihr in die Hand, um euch das Einschlafen zu erleichtern. Keine Ablenkung - einfach nur ihr im Bett. Mit nichts.
Schöne Vorstellung? Langweilig? Beängstigent?
Letzteres ist tatsächlich bei vielen der Fall und so war es auch bei mir. Es stellt sich eine seichte Angst ein - vor Langeweile, vor "vergeudeter Zeit", weil "Leerlauf" ja nicht produktiv ist und vor den eigenen Gedanken, mit denen man ganz alleine ist. Aber genau das ist das Ziel und genau das ist es, was uns heutzutage so dringlich fehlt. Verarbeitungszeit. Zeit zum Sacken lassen - der Eindrücke des Tages, der Gedanken, die uns durch den Kopf gehen, wenn auch wir sie unterdrücken oder verdrängen; einfach zum herunterkommen, sprich nervlich regulieren.
Praktische Gedanken, die ich aus diesem ersten Teilaspekt meiner Auszeit mitnahm:
- lohnt es sich ein neues, altes Handy zu besorgen - wieder heruntergebrochen auf die Kernfunktion Telefonieren?
- spielen tue ich nicht drauf
- Banking brennt nicht und kann auch zuhause nachgeholt werden
- WhatsApp ist nichts anderes als ein SMS
- Fotos kann man mit einer Kamera machen
- Instagram ist 10% faszinierend und 90% nerviger Zeitraub
- Navigation hat man früher auch nicht gebraucht und könnte zur Not durch ein Navi abgedeckt werden
Hätte ich die Disziplin mein Handy einfach aus der Hand zu legen, wenn ich "fertig" bin und würde ich nicht durch zig weitere Benachrichtigung und sämtliche Apps geschubst, könnte ich mir den Invest und die Mühen sparen, aber ich merke: es ist echt nicht leicht. Aber was ist das schon...