Prolog // meine kleine Drogengeschichte

Ich bin 40 Jahre alt, Nichtraucher, Schwul, seit fast einem Jahr Single und lebe in etwa gleich lange in Wien. Ein Jahr voller neuer Erfahrungen und Extreme, die ich so nicht erwartet habe. Schon lange lebe ich in Städten, aber unterm Strich bin ich doch eher ein Landei, das die vertraute Umgebung, die Natur und feste Freunde liebt. Mein Alltag besteht aus viel Arbeit aber mit einer guten Work-Life-Balance; viel Sport, Wandern, Joggen und im Winter Snowboarden so oft es geht. Der Rest der Freizeit gilt Freunden und Reisen.

Gerade hier in Österreich spielt dabei Alkohol eine tragende Rolle. Überall gibt es gutes Bier und noch besseren Wein. Und es gibt immer einen Grund sich ein Achterl oder Krügerl zu gönnen. Am Besten bei einem Ausflug in einer der vielen Weingebiete. Als schwuler Mann bin ich zudem sexuell kein unbeschriebenes Blatt. Die letzten Jahre war ich dennoch durchwegs in Beziehungen, die einem eben das Gefühl von Nähe und Vertrautheit geben, die Du als Single schnell vermisst. Hier in Wien sollte sich das alles ganz schnell ändern.

Wien ist unterm Strich noch immer ein Dorf. Aber es ist groß genug, um Dir alle Seiten einer Stadt mit Großstadt-Flair zu bieten. Perfekt getaktete Öffis, die dich schnell überall hinbringen. Tagsüber Kultur, Kunst, Theater, Klassik und jede Menge Touristen. Nachts Clubs für jeden Musikgeschmack und wiederum Menschen und Touristen für jede Vorliebe und jede Art von Vergnügung. Wie jeder neue Bürger, sollte auch ich bald in diese Welt eintauchen. Eine Welt in der Du recht bald mit Drogen in Berührung kommst. Leichten, aber auch harten.

Bisher beschränkte sich meine Erfahrung mit Drogen abgesehen von Bier auf wenige Versuche. Abseits davon würde ich mich durchaus als Problem-Alkoholiker bezeichnen, da es eben doch zu oft einen Grund für das ein oder andere Bier gibt. Aber niemals besaufe ich mich und zu allen anderen Drogen hatte ich stets eher eine schwarz-weiß Sicht. Klar wurde ich oft beim Fortgehen darauf angesprochen, ob ich nicht etwas kaufen wolle. Ob ich Speed, Ecstasy oder Gras brauche. Aber wieso sollte ich? Stets sagte ich bestimmt nein und hatte auch so meinen Spaß. Als liberal denkender Mensch habe ich aber niemanden verurteilt, der nicht widerstehen konnte. Nur ich wollte eben nicht.

Dennoch waren Drogen im Umfeld immer irgendwie präsent. Meist in Form von Gras. Man konnte es beim Tanzen im Club überall riechen. Beim Spazieren gehen im Park stieg Dir ebenso regelmässig der süssliche Duft in die Nase. Und selbst vor 15 Jahren im Studium standen Freunde regelmässig in Gruppen und gönnten sich nach der Klausur einen dicken Joint. Schon damals war ich verwundert, wie lässig sie ihr Leben, die Studienleistung und ihre Freunde in Einklang bringen.

In meinem Kopf waren Drogen gleichzusetzen mit einem Absturz, mit Abhängigkeit und dem Wegwerfen des eigenen Lebens. So tat ich mich immer schwer mit dem Gedanken. Mein Leben dagegen war von Leistung und guten Noten bestimmt. Ein Versagen gab es nicht. Oft bin ich ungeduldig und kann mich nicht beherrschen, wenn mich irgendwer nervt oder Kollegen ihre Leistung nicht bringen. Schon im Studium kam mir der Gedanke, ob ein wenig Gras mich nicht entspannter machen würde. Aber es reichte nie für das echte Verlangen es ernsthaft zu probieren. So reichte meiner Erfahrung nie, über den ein oder anderen Versuch hinaus. Eine echte Wirkung stellt sich nie ein.

In Wien sollte sich mein Leben zu allererst sexuell ändern. Ich war gerade wieder Single und natürlich wieder auf allen möglichen Plattformen online. Frischfleisch für die Schwulen der Stadt und diese waren umgekehrt Frischfleisch für mich. So hastete ich von einem Sexdate zum nächsten. Als frischer Single hatte ich sowieso keine Lust auf eine Beziehung. Neben den Standard-Erfahrung merkte ich schnell, dass Wien anders ist. Die Leute sind offener, sprunghafter und viel erfahrener. Es dauert nicht lang und du wirst nicht mehr nur nach Poppers gefragt, sondern danach ob du nicht mal richtig was rauchen oder durch die Nase willst, so dass du die Nacht über vor lauter Geilheit mehrfach im Bett landest. Und selbst das reicht vielen nicht und so stolperst du schnell in Gruppensex oder Sessions unter harten Drogeneinfluss. Natürlich kannst Du Dich darin frei bewegen und nein sagen. Aber du kommst eben leicht damit in Berührung und lernst Menschen kennen, die schon lange nicht mehr nein sagen.

Und wie wir Menschen nunmal sind, fragst Du Dich, ob Du nicht auch diese Erfahrung willst. Ob Du nicht was verpasst, wenn du ständig nein sagst. Musst Du es nicht erst selbst probieren, um hinterher mitreden zu können? Schritt für Schritt fängst Du an Deine eigene Grundhaltung zu hinterfragen. Schritt für Schritt zerbröckelt die Blockade. So sitze auch ich letztendlich bei Freunden und ziehe am Joint, der über den Nachmittag mehrmals herum gereicht wird. Oder sitze mit einem Freund am Balkon und wir beide versuchen uns was selbst gedrehtes zu gönnen. Aber auch hier zeigt sich zuerst mal keine besondere Wirkung und die Lust daran bleibt aus. Nach über einem halben Jahr hat sich meine Einstellung so grundlegend verändert, dass ich alles Neue, egal ob Sex oder Drogen drei mal hinterfrage, bevor ich nein sage. Und so sollte ich beim Besuch eines Freundes in Amsterdam zu meiner ersten Erfahrung mit Ecstasy kommen. Die Reise beginnt.

Das Ganze ist nun über ein halbes Jahr her. Wieso berichte ich davon? Ich denke, weil es gut tut sich mit dem Thema zu beschäftigen. Es hilft mir meine Gedanken zu ordnen und es kann jedem helfen sich dem Thema zu nähern. Denn die Welt ist nicht schwarz-weiß, sie ist ein Meer aus grau. Und die eigene Intoleranz bekämpfst du nur durch Recherche, durch Lesen und Informieren. Heute würde ich mich fast als Drogen-Profi bezeichnen. Jemand der noch immer versucht den sinnvollen Umgang damit zu lernen oder zu behalten. Mein Leben hat sich radikal geändert. Zum Guten oder Schlechten? Ich weiß es nicht! Aber für den Moment lebe ich auf der Überholspur und es geht mir prächtig. Den Rest musst Du selbst herausfinden. Viel Spaß beim Lesen.


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