Freitag, 19. Dez. 2025 at 17:56
December 20, 2025•250 words
4.1.1.3 Das Ende der stillen Ordnung – Verantwortung ohne Träger
Mit dem Ausscheiden Angela Merkels endete keine Ära klarer Führung –
sondern eine Phase aufgeschobener Entscheidungen,
die nur deshalb stabil erschien,
weil sie von wenigen Figuren zusammengehalten wurde.
Was Merkel hinterließ, war kein politisches Vakuum im klassischen Sinn.
Es war ein Raum voller unerledigter Aufgaben:
• keine gemeinsame europäische Sicherheitsarchitektur,
• keine belastbare Antwort auf Russlands Anspruch auf Einfluss,
• keine politisch begründete Rolle der NATO nach dem Kalten Krieg,
• keine gemeinsame Strategie zu Klima, Digitalisierung und sozialem Ausgleich.
Diese Aufgaben waren bekannt.
Sie wurden benannt, analysiert, vertagt.
Nicht aus Ignoranz,
sondern aus politischer Überforderung.
Merkel hielt das System funktionsfähig,
indem sie Konflikte nicht zuspitzte,
sondern absorbierte.
Doch genau darin lag die strukturelle Schwäche dieser Ordnung:
Sie war abhängig von Personen,
nicht von Institutionen oder gemeinsam getragenen Entscheidungen.
Als Merkel ging,
zeigte sich,
dass die politische Mitte nicht erneuert worden war.
Sie war verbraucht.
Die nachfolgende Politik erbte kein stabiles Gleichgewicht,
sondern eine Reihe von Zumutungen,
die nun offen aufeinandertrafen:
Krieg in Europa,
ökologische Überforderung,
soziale Spaltung,
und eine beschleunigte geopolitische Neuordnung.
Die Reaktion darauf war nicht Neubegründung,
sondern Rhetorisierung von Entschlossenheit.
Wo zuvor moderiert wurde,
wird nun moralisch aufgeladen.
Wo Verfahren fehlten,
ersetzt Sprache die Legitimation.
Der Satz „Die Ukraine entscheidet“ ist Ausdruck dieser Verschiebung:
Er klingt nach Selbstbestimmung,
verdeckt aber die eigene Verantwortung.
Er ersetzt politische Gestaltung
durch moralische Delegation.
Europa handelt nicht mehr aus der Mitte,
sondern aus Reaktion.
Nicht aus Ordnung,
sondern aus Druck.