Wien // Rewind and Repeat

Neues Jahr, Neues Glück! Vorsätze? Keine? Oder doch? Wie üblich, las ich, bevor ich diese Zeilen nun schreibe, die alten Texte. Und zum wiederholten Male war ich über das was ich dort las erschrocken. Vieles von dem, was ich dort in vorsichtiger Erahnung geschrieben hatte, ist später dann doch eingetreten.

Der Dezember war herrlich. Vorweihnachtszeit! Wien mit all seinen Glühwein-Standl'n und immer gab es einen Grund Freunde zu treffen. Auf Arbeit wurde es langsam ruhiger und so nahm das Leben gemütliche Züge an. Über den Monat bin ich in Summe fünfmal fortgegangen und habe später überschlagen, dass ich in Summe etwa 14 Pillen verbraucht habe. In einer Studie hatte ich noch gelesen, dass ab einem Verbrauch von 200 bis 500 Pillen im Leben das Risiko für Depressionen oder Geisteskrankheiten auf 60% steigt. Gefühlt bin ich jetzt irgendwo zwischen 50 und 100 Pillen.

Dennoch war der Dezember eher ruhig. Ich bin bereits einige Tage vor Weihnachten heim zur Familie und bin brav zu Hause geblieben. Kein Fortgehen, sondern viel Ruhe und Konzentration auf Dinge, die über die Monate liegen geblieben waren. Organisation vom Sommerurlaub mit Freunden. Eine kleine Prüfung vorbereiten. Freunde besuchen. Okay, ich war auch leicht erkältet und somit zur Pause gezwungen. Kaum war Ruhe eingekehrt, setzte der Schnupfen ein.

Zurück in Wien hatte ich mir vorgenommen es zur Silvester nochmal krachen zu lassen. Ganz spontan waren Freunde und deren Freunde in der Stadt und so verbrachten wir den ganzen Abend gemütlich beisammen und feierten ins neue Jahr. Danach gingen wir in einen Club und erlebten einen herrlichen Start ins neues Jahr, der erst morgens um 8 Uhr im Bett endete.

Auf Grund des Wochenendes und Dreikönigstags waren in der Stadt in den folgenden Tagen wieder viele Events angesagt. So war ich einen Tag später am 2. Januar schon wieder gemeinsam mit einem Freund unterwegs. Diesmal ein kleinerer Club. Mein Vorat war endlich aufgebraucht und so waren unsere Taschen leer und kein Dealer weit und breit. Was mir geblieben war, war das ungeliebte Speed mit dem ich schon so schlechte Erfahrung gemacht hatte.

Es endet immer in halbwachen Nächten mit Schlafstörungen für einige Tage. Aber man bleibt klarer im Kopf und redet mehr mit Menschen. So startete auch dieser Abend mit Speed und ich legte noch zweimal nach. Das Problem war jedoch, dass mir später am WC eine Line Koks anboten wurde und ich diese nicht ablehnte. Der Effekt setzte nach 10min ein und mein Puls schnellte auf 180. Gute zwei Stunden später bekam ich von jemand anderen wieder eine angeboten und nahm auch diese dankend an. Wieder ging der Puls hoch und kam lange nicht mehr runter. Auch wenn ich am Morgen müde war, so konnte ich wieder nicht richtig schlafen und der ganze Tag fühlte sich dumpf und nebelig an.

Beim letzten Fortgehen im Dezember war ich rein auf Ecstasy unterwegs. Aber mit 5 halben Pillen und zu wenig Essen davor, hatte ich doch etwas zuviel erwischt und einfach zu lange getanzt. Gegen 4 Uhr überkam mich eine Übelkeit im Magen und ich konnte gerade noch schnell genug Richtung WC rennen, um mich dort im hohen Bogen ins Pissoir zu übergeben. Zwei Typen sprangen links und rechts zur Seite und gratulierten mir, da ich so sauber getroffen hatte. Es war nur Wasser, aber mein Körper erlitt einen kleinen Schwächenanfall. Ich hockte mich in die Ecke und musste mich sammeln. Mir wurde kalt und ich zitterte leicht. Nach einigen Minuten ging ich wieder auf die Tanzfläche, aber das Frösteln blieb und die restlichen Stunden waren alles andere als angenehm. Zu Hause blieb die Übelkeit und der Schlaf war sehr unruhig. Erst am Nachmittag fühlte ich mich besser. Ich hatte es übertrieben.

Die Erfahrung im Dezember, sowie die Mischung aus Speed und Koks zeigten mir, dass ich es nun letztendlich doch übertrieben habe. Mir wurde klar, dass ich eine Pause brauchte. Ich wusste ja auch wie. Ich zwang mich nichts zu tun und daheim zu bleiben. Doch leider fing ich an, mich selbst und meinen sich gerade anbahnenden Lebensabschnittspartner zu belügen. Plötzlich stand ich weit nach Mitternacht an der Haltestelle und wollte die letzte Straßenbahn erwischen. Da stand ich nun allein in der Kälte und schaute zur Wohnung rauf und musste plötzlich fast heulen. Was machte ich mir vor? Was war mein Ziel? Hatte ich nicht gerade noch gesagt, ich wolle aufhören? Für einen kurzen Moment riss ich mich zusammen, ging wieder rauf in die Wohnung und zog mir gemütliche Kleidung an. Die Straßenbahn kam schon und ich hätte nur einsteigen müssen. Aber endlich blieb ich standhaft. Und ich sollte es bleiben!

Die gute Nachricht zuerst! Ja es funktioniert! Man kann sich lossagen. Aber es ist nicht leicht. Aber auch nicht so schwer, wenn man sich nur ordentlich zwingt. Gerade in den ersten Tagen sowie Freitags und Samstags überkam mich das Gefühl, dass doch sicher wieder eine Party angesagt wäre. Man hat doch gerade nichts besseres vor und könnte doch fortgehen. Manchmal sind es auch am Nachmittag kurze Phasen von 5 bis 15min in denen das Gehirn verrückt spielt. Man spielt ein Frage-Antwort-Spiel mit sich selbst. Man sucht Gründe wieder fortzugehen. Man spielt die Nebenwirkungen und potentiellen Gefahren herunter.

Gerade die ersten zwei Wochenenden und täglichen 15min Phasen waren wirklich hart. Gleich wie in dem Moment nachts an der Straßenbahnhaltestelle, musste ich mich immer selbst daran erinnern, dass jetzt Pause ist. Ich musste immer nur diese 15min überstehen. Danach war das Gefühl für einen Tag oder länger fort. Nach etwa 1,5 Wochen war es dann ganz verschwunden. Und ich vermisste es auch nicht. Der Kampf mit mir selbst war ausgefochten.

So überstand ich 4 Wochen. Es ist unglaublich wie schnell die Energie wieder kam. Ich räumte einige Dinge in der Wohnung um. Ich erledigte eine wichtige Prüfung. Ich ging wieder mit Energie und Freude zur Arbeit. Und ich berichtete stets meinem Freund wahrheitsgemäß, wie es mir ging und wann immer ich mit mir selbst zu kämpfen hatte. Auch nutze ich die Zeit für Wintersport und genoss die frische Bergluft. Meine Kondition war wieder bestens!

Ebenso sagte ich alle Events auf Facebook ab und reduzierte die Benachrichtigungen. Auch begann ich selektiver zu lesen. Nicht jeder Event war gleichwertig. Ich begann auszusortieren oder gar zu ignorieren. Lediglich die besagten 15min der ersten Tage - ich nenne sie die Anfälle - waren das Problem. Neben dem Kampf mit mir selbst ertappte ich mich, wie ich sofort wieder mit Freunden schrieb und versuchte die nächste Party zu organisieren. Aber ich schrieb immer, dass ich eigentlich nicht will. Und wie ein Wunder unterstützten sie mich. Einige gingen allein fort oder machten ebenso Pause. Niemand versuchte mich ernsthaft zu überreden und wenn doch, so fand ich doch immer den Mut von selbst nein zu sagen. Ich erzählte ihnen, dass ich mich nicht wieder selbst belügen möchte und sie unterstützten dies voll und ganz. Es tat gut zu sehen, dass es auch so geht.

Doch nun war wieder Zeit für Party. Nur eben seltener. Zufällig waren nochmal Freunde in der Stadt und so gingen wir wieder als Gruppe. Leider hatte ich an dem Tag viel Arbeit um die Ohren, war noch im Fitness-Center und dann mit den Freunden was leichtes essen. Mir fehlte die Zeit mich vorher schlafen zu legen und ausgiebig zu essen. So ging ich eigentlich übermüdet in den Club. Lediglich ein Power-Napping von 10min half für einen Moment.

Da mein Vorrat aufgebraucht war, kauften wir die Pillen diesmal auf der Straße. Ich hatte 3 sehr potente Pillen von jeweils knapp 300mg und eine davon aus einer anderen Quelle. Wir waren verhältnismässig früh im Club und so startete die Reise gegen 1 Uhr und endete erst um 7:30 Uhr. Statt wie üblich 4 bis 5 Stunden tanzte ich also gute 7 Stunden ohne Pause durch. Natürlich musste ich mal aufs WC, was zum Glück auch funktionierte. Aber ich nahm mir nie die Zeit mich mal zu setzen und auszuruhen. Gegen 5 Uhr morgens hatte ich 1,5 Pillen verbraucht und merkte wie mich die Wirkung der dritten Hälfte gerade recht heftig trug. Die Welle war sehr heftig und auf Grund der längeren Pause war auch der initiale Kick sehr gut. Nur irgend etwas war anders. Ich fühlte mich heute nicht wohl. Es war nicht der sanfte Honig, der mich umfloss. Es war eher eine unkontrollierte Energie. Mein Blick wanderte wie wild umher und ich fühlte mich energiegeladen, aber eben nicht wohl behütet und warm. Vermutlich waren die Pillen nicht reines MDMA, sondern mit Koffein, Speed oder anderem Zeug gemischt.

Irgnendwann kam der Moment, wo mein Körper mir mitteilte, dass die Party vorbei wäre. Der Moment, in dem man eigentlich ganz natürlich heim geht. Nur diesmal wollten meine Freunde noch länger bleiben und so warf ich die vierte Hälfte ein, obwohl der Trip gerade sehr intensiv war. Der nun einsetende Energieschub war mega. Nur kamen mit ihm auch die Nebenwirkungen, welche ich im Dezember schon kurz erlebt hatte. Mein Magen wurde flau und mir wurde schlecht. Diesmal konnte ich es aber kontrollieren und musste mich nicht übergeben. Aber es fühlte sich nicht gut an. Das Gefühl blieb auf dem Heimweg und den ganzen Tag über. Wir aßen gegen 14 Uhr Frühstück und auch hier hätte ich mich fast nach wenigen Bissen übergeben müssen. Mein Magen war noch immer flau und mir war schwindelig. Zum Glück hatte ich keinen Schüttelfrost und keinen Zusammenbruch. Dafür hatte ich auf der Tanzfläche Muskelspasmen. Meine Hüfte fühlte sich an als würde mir jemand mit einem Taser Stromschläge versetzen. Jede Bewegung schmerzte und die Beine wollten nicht mehr. So fühlte ich mich dann Samstag, Sonntag und Montag noch immer schlapp und die Oberschenkel bedankten sich mit lang anhaltendem Muskelkater.

Was war diesmal so anders? Ich weiß es nicht! Aber ich vermute, dass die unbekannten Pillen nicht rein waren. Auch hatte ich eine Pause eingelegt in welcher die Resistenz angeblich relativ gut wieder zurückgeht. Sprich, ich hatte zuviel eingeworfen. Dies passte auch zu den sonstigen Nebenwirkungen. Jeder von uns hatte leichte Halluzinationen und auch das Wegdriften hatte ich für einen kurzen Moment wieder erlebt. Selbst daheim sah ich Farben und Konturen wieder stark verändert. Ich genoss den Moment sogar, da ich diese Nebenwirkungen schon eine Weile nicht mehr erlebt hatte. Sofern in den Pillen wirklich 290mg bzw 320mg waren, was der Dealer behauptete, habe ich als 600mg zu mir genommen. Über die 7h Stunden verteilt ist das von der Wirkung noch okay. Aber ich vermute, dass ich knapp an einer Vergiftung vorbeigeschrammt war und mich daher so lange schwach gefühlte habe. Der flaue Magen und das Unwohlsein scheinen ab 500mg einzusetzen. Es erscheint mir als meine körperliche Grenze.

Die mehreren Wochen Pause waren super. Das Leben fühlte sich wieder gut an. Die bewusste Party danach war auch gut, aber nicht super und der Hangover so stark wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte. Ich war nicht depri, aber der Kiefer tat schon im Club weh und die körperliche Schwäche hielt gut und gerne drei Tage an. Ich werde das kommende Wochenende vermutlich noch einmal fortgehen, aber dann heißt es wieder Pause. Ich freue mich sogar drauf, denn es fühlte sich gut und richtig an.


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