Wien // Lockdown!

Seit dem 12. März sitze ich nun schon zu Hause. Ich habe mich gut mit dem Home-Office arrangiert. Ich versuche nach Möglichkeit einmal pro Tag ins Freie zu gehen. Joggen oder einfach nur Spazieren. Einkäufe habe ich auf ein bis zweimal die Woche reduziert. Das Leben ist ruhiger geworden und es tut mir gut. Ich lese davon wie sich Menschen mit der Isolation quälen. Vielleicht sollten wir alle auch mal das Positive darin sehen?!

Wie berichtet, hatte sich mein Körper mit dem kalten Enzug gut eingerichtet. Keine Party, kein Fortgehen, kein Ecstasy. Überhaupt war es auf einem vorbei mit den chemischen Drogen. Stattdessen verlagerte sich das Leben mehr ins Private.

Ich war nie mit dem Rauchen von Joints warm geworden. Ich hasste den Tabakgeschmack. Mir brannte der Hals und ich konnte die Wirkung nie einordnen. Durch den Vapo änderte sich das nun. Hin und wieder gönnte ich mir ein wenig Gras und fühlte mich entspannt. Ich brauche nur sehr kleine Mengen. Es war ganz anders als gewohnt, aber es eignete sich gut für daheim. Doch wo bekommt man Gras her? Beim Joggen hielt ich die Augen auf. Ich sah immer wieder Leute mit einem Joint, aber nie einen Dealer. Auch im Freundeskreis waren alle Lieferwege zum Erliegen gekommen. Keine staatliche Aktion hatte je so positiven Einfluß auf den Drogenkonsum wie der Lockdown.

Bereits zuvor hatte ein Freund Pilze (Magic Mushrooms) bestellt. Wir hatten mit Freunden eine gemütliche Runde geplant, in welcher wir auf einander aufpassen wollten. Die Lieferung war bereits eingetroffen, aber nun war Lockdown. Was nun? Kontaktsperre, Social Distancing! Schlagworte an die wir uns wirklich hielten.

Die ersten zwei Wochen sperrte ich mich weg! Ich traf keinen Freund, ich sagte jedem ab, der mich besuchen wollte und ich ging so gut wie nie einkaufen. Danach änderte sich die Situation ein wenig. Ich beschloss, dass Social Distancing nicht 100% bedeuten muss. Auch mit 50% oder 75% ist allen geholfen. Es ging um Reduzierung, nicht um Abstellen.

Also traf man sich zum Spazierengehen auf Abstand. Nun sank auch die Angst vor dem Abend auf Pilzen. Und wegwerfen wollten wir sie auch nicht. Sie halten sich nunmal nur einen Monat. Also machten wir es uns gemütlich. Einer hatte bereits Erfahrung und begann mit einer höheren Dosis. Wir anderen waren vorsichtiger.

Die psychodelischen Effekte sind anfangs komisch. Ich begann jede Veränderung mit kindlicher Neugier zu erkunden. Von einem leichten Kribbeln, über das Frösteln bis hin zur veränderten Farbwahrnehmung und 3D sowie Tunneleffekt war alles dabei. Aber keine Wirkung war so sehr wirklichkeitsverzehrend wie im Internet beschrieben.

Da noch eine ganze Menge der Pilze übrig geblieben war, trafen wir uns einige Wochen später nochmals zu zweit und starteten stärker. Diesmal potenzierte sich die Wirkung bei mir. Es war wie eine Tür, an der ich vorher nur geklopft hatte. Ich hatte nur einen flüchtigen Blick in die Welt dahinter erhascht. Ein Blick durch die nur einen Spalt weit offene Tür. Diesmal wurde mir die Tür nicht nur geöffnet, vielmehr wurde ich mit voller Wucht durchgetreten, so dass ich den Kaninchenbau wie in Alice im Wunderland stürzte.

Die ersten Erfahrungen erkannte ich wieder. Der Tunneleffekt ist einfach nur genial. Wir redeten, tanzten und kochten uns etwas zu Essen. Währenddessen setzte alle 30min die nächste Welle ein. Und jede Welle war heftiger als die vorhergehende. Jede Welle brachte eine neue Erfahrung, eine neue Wirkung mit sich. Je stärker die Welle wurde, desto mehr musste ich mich zusammenreißen und sammeln. Ich erkannte, wie mich jedes kleines Detail im Raum magneticsh anzog. Visuals, welche wir am Fernseher laufen liesen, waren am heftigsten. Aber auch Licht oder organische Muster zogen die Aufmerksamkeit an sich. Ich schwamm in einem Meer aus vielen verschiedenen Mikrokosmen, wechselte zwischen ihnen hin und her und erfreute mich an der Schönheit der Dinge.

Ich musste erst lernen, dass ich gedanklich aus diesem Mikrokosmos heraus zoomen kann. Auf dieser Makro-Ebene hielt ich es aber nicht lange aus. Zu intensiv waren die Eindrücke, die auf mich niederprasselten. Dennoch lernte ich, dass ich einen Ruhepol, einen Rückzugsort in mir finden musste. Wann immer eine neue Welle auf mich einschlug, musste ich mich für 5min auf diesen Ruhepol zurückziehen, damit ich von der Welle nicht überrollt wurde. Erst dann fühlte ich mich wohl und konnte die Sinneseindrücke vollends genießen.

Organische Formen und Muster schienen zu Leben zu erwachen. Alles pulsierte. Nichts stand still. Biologische Formen, wie der Fisch, den wir aßen, ergaben auf einmal Sinn. Die Schönheit der Natur zerlegte sich in Gedanken in absolut logische Ebenen, welche ich sofort begriff. Wir diskutierten über Gott, Evolution und höhere Wesen, welche solche Schönheit erschaffen konnten. Wann immer ich etwas trank oder kostete, zerlegte mein Gehirn den Sinneseindruck in scharf von einander getrennte Ebenen. Ich wusste sofort, welche Zutaten verwendet wurde. Sie bildeten sich glasklar vor mir ab. Als könnte ich mit der Macht meiner Gedanken alles ordnen und Dingen einen Sinn geben. Wir redeten über Urlaube und schöne Ausflüge. Ich merkte, wie sich diese Erinnerungen in meinem Kopf ebenfalls in logische Bestandteile zerlegten. Eine Erfahrung war eine Zusammensetzung aus einer schönen Landschaft, einer guten Flasche Wein und den Freunden, dei dabei waren. Ich konnte diese Bestandteile zerschneiden und somit in Gedanken umbauen. Ich erkannte wie sich verschiedene Erfahrungen zu einem Cluster ergänzten und welche kleine Zutat sie voneinander unterschied.

Mit jeder Welle wurde die Erfahrung heftiger und ich wusste nicht mehr wie lange ich sie noch beherrschen konnte bevor es als Gesamterfahrung ins Unangenehme kippen würde. Nach gut zwei bis drei Stunden war das Plateau überwunden und es folgten mehrere angenehme Phasen. Die Wirkung war weiterhin voll da, aber jede Phase des Coming-Down war länger und angenehmer. Wir plauderten über Gott und die Welt. Bekamen Lachkrämpfe und kochten um zwei Uhr nachts schon wieder Essen.

Wichtig ist jedoch, dass nicht nur psychodelische Effekte einsetzen, sondern andere Sinneswahrnehmungen und Sicherheitsschranken abgeschaltet werden. Wenn du dir den Finger in den Hals steckst, weil du kotzen willst, hältst du auf einmal dein Kehlkopfdeckel oder das Gaumensegel zwischen den Fingern. Du trinkst ein Glas Wein derart schnell, dass es dir nicht auffällt. Die sinierst über den Geschmack und die Eindrücke vom Wein während Du schon beim nächsten Glas bist. Hier rate ich zur Vorsicht und Reduktion.

Die Pilzerfahrung war extrem und wir werden sie in unsere Liste aufnehmen. Aber nur für seltene Fälle. Es ist nichts, was man jedes Wochenende braucht. Auch schlafe ich danach sehr schlecht, da mein Kopf selbst mit geschlossenen Augen weiter auf Hochtouren arbeitet.

Neben Pilzen nahm nun auch Gras mehr Platz in meinem Leben ein. Da alle öffentlichen Quellen zum Erliegen gekommen waren, musste ich wieder aufs Darknet ausweichen. Der Shop, wo ich sonst bestellte, war nun durch Exit-Scam weg vom Fenster. Die letzte Bestellung von Ecstasy war somit auch für die Katz'. Mit diesem Risiko muss man halt leben. Jetzt hieß es wieder recherchieren, lesen und aufs Bauchgefühl vertrauen.

Aber ich fand einen neuen Markt, der rein auf Gras spezialisiert war. Die kleine Bestellung kam trotz Corona auch wirklich an. Mein Zuhause und ich haben uns gut arrangiert. Dennoch ist es traurig zu hören, dass es bis mindestens Ende August keine Party geben wird. Auch wenn ich Ecstasy nicht vermisse, so tut es mir doch um die Party, die Veranstalter und das gemütliche Publikum leid. Mal sehen wie lange der Lockdown noch andauert!


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