Wien // am absoluten Tiefpunkt

Es ist Ende März und dennoch berichte ich erst jetzt über die Erlebnisse von Neujahr. Ich habe lange überlegt, ob ich es festhalten soll. Der Abend war für mich psychisch betrachtet so extrem, dass ich nicht weiß, ob mich das Thema nicht irgendwann einholen wird. Und diesmal waren keine Drogen im Spiel.

Auch weiß ich, dass viele ähnliche Geschichten oder gar noch viel mehr erlebt haben. Dass es für viele normal ist. Für mich war und ist es aber alles andere als normal. Aber urteilt selbst.

In den Tagen vor Silvester war ich leicht kränklich daheim in Wien und habe viel Zeit spielend vorm PC verbracht. Natürlich liefen die Dating-Apps nebenbei mit. An einem Abend hatte ich mit einem sehr jungen Typen geschrieben. Er war gerade einmal 18 Jahre alt und wollte zum kuscheln vorbeikommen. Letztendlich kam er doch nicht und machte auch sonst einen eher braven schüchternen Eindruck.

Am Neujahrstag schrieb er mich wieder an. Diesmal aber ein total verdrehtes Bild. Er sei in der Gay-Sauna und ob ich noch vorbeikomme. Wie üblich, fühlte ich mich herausgefordert und so fuhr ich zur Sauna. Da ich die besagte Sauna noch nicht kannte, war es auch eine gute Gelegenheit.

Zu meiner Überraschung war die Sauna sehr klein. Vielmehr war es eine kleine Bar mit anschließendem noch kleinerem Sauna-Bereich. Der junge Typ saß an der Bar und plauderte mit zwei alten Männern, welche ich grob auf 55 bis 60 Jahre schätzte. Ich setze mich zu ihm. Erst ignoriert er mich, aber langsam kommen wir ins Gespräch. Es dauert eine Weile bis er mich erkennt. Er ist total perplex, dass ich wirklich hergefahren bin. Irgendwie wirkt er mit der Situation überfordert, da er überhaupt nicht mit mir gerechnet hat.

Im Gespräch erfahre ich, dass er die Nacht auf einem Gay-Ball war und danach unter Drogen in einer der bekanntesten Gay-Saunen der Stadt gelandet ist. Bis jetzt hatte er noch gar nicht geschlafen. Fröhlich erzählt er mir von der Nacht und wie er in der Sauna gefickt wurde. Ich frage nach, was daran so toll war und ob der Typ sexy war. Er aber kann sich nicht erinnern, da er total high und der Typ ihm somit eigentlich egal war. Ähnliche Geschichten habe ich seit dem auch von anderer Seite gehört und muss feststellen, dass solche Art von Sex für mich absolut nichts ist. Für mich ist der Mensch der Reiz und nicht nur der Sex an sich. Scheinbar unterscheide ich mich hier deutlich von der Masse. Noch zumindest.

Obwohl wir nett plaudern, bleibt sein Interesse an den beiden älteren Typen hängen. Ich halte mich dezent zurück, während sie ihm immer näher kommen. Die beiden sind aus Polen zu Besuch und waren die Nacht zuvor ebenfalls auf dem Ball. Sie fangen an den Jüngeren zu befummeln und recht schnell verschwindet eine Hand hinten in der Hose des Jungen bis unter seinem Hintern. Er genießt es und so wird die Situation immer verrückter. Der Kellner hatte bereits angefangen uns mit Gratis-Schnaps abzufüllen. Im gleichem Maß wie unser Alkoholpegel stieg, so eskalierte auch die Situation. Die beiden Polen bemerkten, dass ich leicht eifersüchtig die Situation beobachtete. Ich war in meinem Stolz verletzt, da er die beiden Polen mir vorzog. Entgegenkommend stachelten sie mich an mitzumachen. Am Ende war auch meine Hand in seiner Hose und mein Finger noch viel weiter. Dann saß ich unterm Barhocker und bediente ihn oral. Zwischendurch war er hin und hergerissen zwischen ja und nein. Er wollte eigentlich die Polen, aber ich wollte nicht nein sagen.

Irgendwann sagte ein anderer Gast, welcher an der Bar saß, dass wir aufhören sollen. Der Junge sei doch total besoffen und wir würden die Situation ausnutzen. Entweder hören wir sofort auf, oder er rufe die Polizei. Auf einmal war ich total klar im Kopf. Ich erkannte die Tragweite der Situation. Er hatte völlig Recht. Viele meiner Freunde arbeiten im Sozialbereich und haben täglich mit Themen wie sexualisierter Gewalt und deren Prävention zu tun. Auf einmal war ich genau in der Situation. Ich fühlte mich peinlich berührt, panisch und hatte Angst meinen Job zu verlieren. So zog ich mich an und schickte mich an das Lokal verlassen.

Dann, als ich gerade durch den Ausgang verschwinden wollte, sah ich, wie der Junge mit den Polen in der Sauna verschwindet. Wieder war mein Stolz angegriffen. Wie kann das sein? Der warnende Gast hatte völlig Recht. Aber wollte der Junge nicht unbedingt Sex? Wieso war er auf dem Gay-Ball? Wieso war er morgens in der Sauna und hat sich ficken lassen? So schiebe ich meine Schuld von mir, ziehe meine Sachen aus und lande ebenfalls in der Sauna. Uns allen wird zu heiß, so dass wir schnell wieder an der Bar stehen. Mittlerweile ist es nach 1 Uhr nachts und der Kellner will schließen. So wirft er uns kurzerhand raus.

Während die Polen noch in der Ankleide stehen, gehen der Junge und ich raus. Er ist wirklich gut fertig von der durchzechten Nacht. So kann ich ihn nicht allein heimgehen lassen. Natürlich will ich ihn für mich, aber in dem Moment ist es eher die Fürsorglichkeit, die mich handeln lässt. So kommt es zur nächsten Eskalationsstufe. Ich nehme ein Auto vom Car Sharing und wir fahren zu mir. Er fragt noch, ob ich nicht zu betrunken sei, was ich stolz verneine. Erst an der nächsten Ampel an einer großen Kreuzung fällt mir auf, dass er vielleicht Recht haben könnte. Ich stehe zwischen zwei Spuren; statt auf meiner eigenen Spur. Und ich verpasse den Moment als die Ampel auf Grün springt. Zum Glück sind wir weit und breit allein auf der Straße. Konzentriert schaffen wir es ohne Probleme nach Hause.

Er fällt totmüde aufs Bett und wäre fast umgehend eingeschlafen. Aber wir nutzen ich die Situation und so kommt was kommen muss. Da er super früh aufstehen muss, bleiben uns nur noch wenige Stunden Schlaf. Letztendlich schlafe ich gar nicht, sondern liege wach im Bett und gehe immer wieder hellwach durch die Wohnung. Mein Kopf spielt verrückt und der Abend spielt sich in meiner Vorstellung in Endlosschleife ab. Ich erkenne wie dumm das Ganze war. Ich lösche alle Dating-Apps und bin froh, als er mitten in der Nacht aufwacht und zur Arbeit muss. Ich fahre ihn noch zur Arbeit und lege mich dann tief in Gedanken versunken ins Bett. Unterwegs fragt er mich, ob wir nachts noch was miteinander hatten. Scheinbar war er doch nicht bei der Sache, was meine Schuldgefühle umso mehr steigen lässt.

Im Grunde war dieser Tag mein Schlüsselerlebnis. Ich habe mein Sexleben total umgestellt. Ich würde den Tag gern ungeschehen werden lassen. Auch wenn es ein Erlebnis war, so habe ich doch zu viele Grenzen überschritten. Und ich bin nicht stolz drauf.


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