Wien // ich habe den Tod tanzen gesehen!

Eine neue Event-Reihe im meinem Lieblings-Club. Natürlich wollte ich mir das nicht entgehen lassen. Vor allem ist es eine kurze Woche. Donnerstag war Christi Himmelfahrt und so hatte ich zum Glück nur drei Tage Streß. Zuvor hatte ich genügend Zeit meinen Husten und Schnupfen auszukurieren. Leider hab ich noch immer nicht das Test-Ergebnis von meinem Pulver zurückbekommen. Technische Probleme im Labor. Also heißt es weiter warten. Dafür haben wir uns in der Beratungsstelle nochmals über die Dosis und Resistenzen unterhalten. Laut Auskunft der Beratung sollte man regelmässig in etwa 6 Wochen Pause machen. Nicht nur, um den Serotonin-Spiegel wieder auf ein normales Level zu bringen, sondern auch die Resistenzen abzubauen. Angeblich kannst du dann wieder mit einer normalen Dosis beginnen. Für heute hab ich jedenfalls die kläglichen Reste der grünen Biester dabei, welche ich mir vor einigen Wochen aus der Hosentasche gekratzt hatte. Dazu zwei Kapsel als Backup und die eine Pille, welche wir letztens gekauft hatten. Eine Pille mit zwei PP drauf, Philipp Pain. Laut Tabelle der Drogenwarnung durchaus stark mit 220mg. Vorsicht ist geboten!

Als ich Club ankomme, ist noch nicht viel los. Da für die Größe des Clubs auf Facebook super viele Zusagen waren und ich nicht Schlange stehen wollte, bin ich etwas früher aufgebrochen. So verbringe ich die Zeit zwischen den wenigen ersten Gästen und schwanke zum Beat. Erst nach und nach füllt es sich. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit und ich starre alle 5min auf die Uhr. Ich tanze unweit vom WC-Eingang und so sehe ich die ersten Leute am WC verschwinden und sich Zeugs einwerfen. In der noch kleinen Menge an Menschen sticht mir eine Frau mittleren Alters in Auge. Sie ist bis auf die Knochen abgemagert und tanzt benommen zur Musik. Neben ihr entdecke ich ihren Mann oder Freund. Auch er ein Gerippe aus Haut und Knochen. Beide wirken auf mich wie mehr als nur ein wenig süchtig. Die meisten Drogen unterdrücken deinen Hunger, deine Müdigkeit und sonstige körperlichen Nöte. Hier sehe ich nun auf der Tanzfläche, wie sowas enden kann. Der tanzende Tod genau vor mir.

Als der Main-Floor öffnet und das Publikum nun schon deutlich mehr geworden ist, verschwinde auch ich im WC. Die Reste der einen grünen Pille waren schon fast vollständig zu Pulver zerrieben, welches grün in meinem Plastiksäckchen schimmerte. Daher hatte ich mir nun an der Bar einen Becher geklaut und mit etwas Wasser gefüllt. In der WC-Kabine landet das Pulver nun im Becher und dann aufgelöst in meinem Magen. Zum Glück war der bittere Geschmack nicht allzu schlimm. Die Menge des Pulvers entsprach etwas weniger als der Hälfte einer Pille. Aber das sollte fürs Erste reichen. Nun heißt es warten. Auf der Ablage über dem Spülkasten sehe ich noch die Reste der vorherigen Besucher. Weißes Pulver liegt überall herum. Die kläglichen Reste der ein oder anderen Line, die sich hier jemand gegönnt hat. Über den Abend sprechen mich immer wieder andere auf der Suche nach Drogen an. Wie Süchtige brauchen sie immer mehr. Aber sie sind eben schlecht vorbereitet und ich deale nunmal nicht.

Zurück auf der Tanzfläche merke ich nach mehr als einer halben Stunde noch immer nichts und fange an zu grübeln, ob die Menge doch zu gering war. Weitere 10min später beiße ich dann ungefähr ein drittel von der größeren Pille ab. Es ist schon spät und noch länger warten wäre doof. Was mich dann erwartet war rückblickend gesehen das pure Glück. Nur wenige Minuten nachdem ich von der Pille abgebissen hatte, setzt auf einmal die Wirkung der aufgelösten grünen Rest ein. Nur diesmal ganz anders als sonst. Eigentlich fängt alles mit einem Kribbeln, gefolgt von klarer Wahrnehmung an. Diesmal kommt es aber von Innen. Als hätte jemand ein Ventil geöffnet, so flutet mich ein warmes Hochgefühl. Plötzlich wirke ich total glücklich mit mir selbst. Wie flüssiger Honig durchflutet das Glück meinen Körper und ich könnte mich selbst umarmen. Zufällig hat das Timing vom Nachlegen noch dazu perfekt gepasst. Während das erste Gefühl mich etwa eine halbe Stunde auf der Welle der Glückseligkeit trägt, setzt die Wirkung der abgebissenen Pille gleich darauf ein. Das Glücksgefühl verstärkt sich stetig und hüllt mich wie Watte ein. Erst nach mehr als einer Stunde komme ich wieder auf das normale Level, was mich wie eh und je einfach nur glücklich tanzen lässt.

Dieses Hochgefühl war mir in der Art total neu. Aber es fühlte sich unglaublich schön an. Wieso war es diesmal anders? Vermutlich, weil die Wirkung immer sehr stark vom aktuellen Tagesgefühl, dem Abstand zur letzten Einnahme und vielem mehr abhängt. Und diesmal hat alles gepaßt. Scheinbar hatte mein Körper in den nur 1,5 Wochen Zeit gehabt genügend Serotonin aufzubauen. Der Neurotransmitter auf den MDMA losgeht. Durch den beruflichen Streß hatte ich mich einfach schon so sehr aufs Fortgehen gefreut. Hinzu kommt, dass ich sehr spontan am Abend bei einem Freund war und wir wieder einmal den besten Sex überhaupt hatten. Der dreimalige Höhepunkt hatte mich vorab schon so sehr gepushed, so dass mein Körper voller Hormone und Gefühle überschäumte und das MDMA in der Nacht dann ein leichtes Spiel hatte.

Im Laufe des Abends halbiere ich den Rest der Pille nochmals und nehme beide im Abstand von etwa einer Stunde. Zwischen vier und fünf Uhr fühlt es sich aber schon wieder so an als würde die Wirkung abklingen. Dabei will ich noch länger bleiben. Dieser Zustand ist in sofern gefährlich, weil man eigentlich noch im Rausch ist und dann unüberlegt nachlegt. Genauso erging es mir. Während ich eine gefühlte Ewigkeit hin und her überlege, ob es nicht eh schon viel zu spät oder besser zu früh am Morgen ist, um noch nachzulegen, greife ich in die Tasche und schlucke eine der Kapseln. Immerhin ist die Menge darin weniger als eine halbe Tablette. So rede ich es mir jedenfalls ein.

Wann die Wirkung der Kapsel einsetzte, kann ich nicht mehr sagen. Generell merkt man hier aber keinen neuen Kick mehr, sondern hat einfach nur länger Energie. Jedenfalls geht um 6:30 Uhr das Licht an und ich gehe im warmen Morgenlicht zur U-Bahn. Der Dance Floor war heute super warm und durch mein Glücksgefühl habe auch ich extrem stark geschwitzt. Meine Kleidung klebt an mir, Schweiß steht mir auf der Stirn und ich bin putz munter. So brauch ich nicht ins Bett zu gehen! Daheim angekommen fange ich daher an die Schuhe zu putzen und in der Wohnung herum zu räumen und gehe duschen. Auf meiner Stirn sehe ich getrockneten Schweiß zu kleinen Stückchen Salzkruste erstarrt. Es war wohl eine gute Nacht!

In der Küche putze ich mir eine Karotte, setzte mich im Wohnzimmer auf den Sessel und versuche die Hälfte davon zu essen. Wie erwartet wird das eine Herausforderung. Mit trockenem Rachen und null Geschmackssinn, kaue ich auf jedem Bissen eine Ewigkeit herum. Aber ich schaffe es! Noch während ich im Sessel sitze, fange ich an in Gedanken abzudriften. Komisch, die Wirkung der Kapsel setzt wohl erst jetzt ein?! Kann es sein, dass sie erst jetzt ihre volle Wirkung entfaltet? Oder bin ich einfach nur erschöpft und müde? Jedenfalls ein guter Moment zum schlafen gehen. Mein Puls war die Nacht über bei 120 bis 130 und schlägt noch immer mit guten 90 Schlägen pro Minute. Zur Kontrolle behalte ich den Pulsmesser am Arm.

Einmal bin ich kurz vor Mittag wach, lege mich aber sofort wieder schlafen. Erst gegen 16 Uhr klingelt mein Wecker. Oh nein, wieder der ganze Tag verschlafen. Und gleich kommen Freunde zu Besuch. Also schnell wach werden und erstmal was essen. Der Blick auf die Pulskurve verrät mir, dass der Puls über den Vormittag recht stetig bei 80 bis 90 verblieben ist und es zu Mittag einen plötzlichen Abfall auf 60-70 Schläge pro Minute gegeben hat. Scheinbar war zu dem Zeitpunkt die Wirkung der ersten Dosis dann erst richtig weg. Über den Tag verfolgt mich das leichte Kribbeln noch bis etwa 20 Uhr. Zudem sind wieder die Zähne extrem überempfindlich. Gemeinsam mit meinen Freunden gehen wir in der Stadt was essen. Am Weg zurück gönnen wir uns ein Eis. Aber es tut so höllisch weh auf meinen Zähnen, so dass ich es nur langsam essen kann. Am Abend quasseln wir bei einem Glas Wein. Mein überhöhter Konsum macht ihnen Sorge, auch wenn sie es nicht zugeben und vor allem nicht negativ wertend aussprechen wollen. Aber auch ich merke, dass sie Recht haben. Aber bereits am Samstag ist wieder ein gutes Event angesagt. Vielleicht schaffe ich es den auszulassen und stattdessen auf die groß angesagte Gay-Party in anderthalb Wochen zu gehen?


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