Wien // Wollen wir aufhören?

Tatsächlich hatte ich die letzten Tage nicht wirklich Lust aufs Fortgehen oder mehr Ecstasy. Nach Christi Himmelfahrt am Donnerstag wollte ich Freitag sogar arbeiten gehen statt den Fenstertag freizunehmen. Und meine Kollegen hatten mir auch geraten mal eine Pause zu machen. Und was sollte ich schon allein im Büro? So hatte ich mir ein Auto gemietet und war jeden Tag am Neusiedler See die Sonne genießen. Gemeinsam mit einem Freund fuhr ich durch einige nette Orte am See und wir genossen das gute Essen und den herrlichen Wein. Aber nun war wieder Samstag Abend und wir beide wollten fortgehen. Natürlich sind die Tage zwischen Mittwoch und Samstag viel zu kurz, um genügend Botenstoffe im Hirn neu aufzubauen. Mir war das bewusst. Schon einmal hatte ich im kurzen Abstand zweimal gefeiert und auch da blieb die Wirkung trotz hoher Dosis eher verhalten.

So sollte es auch diesmal werden. Nach dem Honig goldenen Hochgefühl vom Mittwoch war mir klar, dass mein Hirn komplett leer sein musste. Zuviel Hochgefühl hatte mich auf einmal durchströmt. Ich wusste es den ganzen Tag über und eigentlich hätten wir beide einfach absagen sollen. Aber durch die zwei schönen Tage am Wasser ging es mir herrlich. Ich redete mir ein, dass mein Körper das schon irgendwie entsprechend gut verarbeiten würde. Aber du kannst deinen Körper eben nicht betrügen. So sitzen wir beide weit nach Mitternacht in der U-Bahn auf dem Weg zum Club. Wir reden über Candy, unserem Codewort für Ecstasy und über andere Bekannte, die sich viel zu sehr im Drogensumpf verloren haben. Wir überlegen, dass wir beide aufhören sollten. Mein Freund überlegt sogar heute nur Alkohol zu trinken. Für mich kommt das heute nicht in Frage. Zu sehr ist mir der Hangover der Firmenfeier noch im Kopf. Da bleib ich lieber beim Candy.

Kurz vorm Club legen wir beide jeweils 10 Euro zusammen und ich verhandle mit dem dem Dealer drei Pillen. Und yeah, es sind wieder die kleinen grünen Biester, von denen wir ja nun schon wissen, dass sie was können. Zur Sicherheit hab ich noch drei Kapseln dabei. Im Club ist es noch sehr leer und so sitzen wir draußen vor der Tür in der warmen Sommerluft mit einem Bier in der Hand. Mir war schon mehrfach aufgefallen, dass die Wirkung deutlich schwächer ist, wenn ich zuvor Bier trinke, aber heute war es mir egal. Ich wollte noch nicht starten und daher die Zeit überbrücken. Mein Freund war wiedermal ganz anders. Er konnte es gar nicht erwarten und wollte gleich eine ganze Pille nehmen. Er wusste, dass das Blödsinn ist und haderte mit sich selbst und so verbot ich es ihm schlichtweg. Auch gab ich ihm gar nicht erst die Pille in die Hand. Er wusste, dass er dann zu ungeduldig auf die Wirkung warten und bereits nachlegen würde, bevor diese überhaupt einsetzt hat.

Aber ich wollte ihm nicht zu sehr vorschreiben wie er den Abend verbringen sollte. Eigentlich war noch immer zu wenig Publikum da. Aber ihm zu Liebe wollte ich gemeinsam mit ihm starten. Also fingen wir mit einer Tablette an. Ich biss eine Hälfte ab und gab ihm den Rest. Okay, ich war zu gierig und mein Teil war doch etwas mehr als die Hälfte. Am Weg hinein hielten uns auf einmal die Türsteher auf. Total im Panikmodus dachte ich schon, dass sie uns gesehen hatte, wie wir gemütlich die Pille verdrückt hatten. Immerhin saßen wir fast genau gegenüber vom Eingang. Im Kopf legte ich mir schon tausend Ausreden zu Recht. Aber zum Glück machten sie uns nur darauf aufmerksam, dass wir unsere Handys nicht so offen herumliegen lassen sollten, da gern mal was verschwindet und sie nicht auch noch vor dem Club für Sicherheit sorgen können. Voll nett von ihnen.

Die Musik heute ist ultra hart. Kein trockener harter Techno, dafür aber ein sehr schneller Beat mit wechselnden Rhythmen was es nicht gerade einfach macht den richtigen Grundrythmus zum Tanzen zu finden. Mein Freund ärgert sich darüber die ganze Zeit und ich vertröste ihn, dass es schon besser werden wird, sobald die Wirkung einsetzt. Jeder von uns hat zu später Stunde noch was gegessen, so dass die Wirkung bei vollem Magen länger auf sich warten lässt. Nach gut 40min setzt bei mir das typische Kribbeln ein. Zu der Zeit sitzen wir gemütlich am Tisch und reden. Er hat zuvor noch einige andere Leute kennengelernt und wundert sich, dass auf einmal Frauen auf ihn stehen. Zur Erinnerung, heute ist kein Gay-Event. Schritt für Schritt steigert sich die Wirkung bei mir. Wie ein ungeduldiges Kind dränge ich darauf auf die Tanzfläche zu gehen. Ich will den Moment nicht verpassen, in dem die volle Energie freigesetzt wird.

Und die Energie kommt, wenn gleich nicht so stark und ohne dieses ultra schöne Hochgefühl vom Mittwoch. Aber es reicht, um die Musik besser wahrzunehmen. Heute möchte ich versuchen so lange wie möglich auf dieser Welle zu schwimmen, ohne gleich nachzulegen. Aber nach etwa 40min ist die Wirkung deutlich zurückgegangen und so gehe ich an den Rand der Tanzfläche und beiße wieder ein Stück von der zweiten Pille ab. Diesmal lasse ich ihm mehr als die Hälfte, welche ich ihm mitten auf der Tanzfläche in die Hand lege. Leider kann sich mein Freund den ganzen Abend über nicht mit der Musik anfreunden. Zudem verträgt er wieder einmal die Wirkung nicht. Als diese sich voll entfaltet sitzt er wieder ruhig am Tisch und schreibt mit einem Freund am Handy. Während ich immer nur tanzen will, zieht es ihn eher zu Ruhe und Gemütlichkeit. Scheinbar ist das Setting heute doch nicht das Richtige! Eigentlich wollte gerade er ja doch aufhören.

Heute sind wir zu zweit hier und ich will nicht asozial sein. Also scheiße ich auf meinen Rausch. Normalerweise will ich jede Minute davon auskosten und komme daher gar nicht auf den Gedanken die Tanzfläche auch nur für eine Minute zu verlassen. Aber heute setzte ich mich immer wieder zu ihm, massiere ihm die Schultern und kümmere mich um seinen Zustand. Nach einer Weile kann ich ihn wieder zum Tanzen überreden. So tanzen wir gemeinsam und ich gönne ihm die ein oder andere Zärtlichkeit. Sein T-Shirt klebt bereits Schweiß gebadet auf seiner Haut. Auch meine Stirn ist wieder total nass. Irgendwann zuvor hatte ich die dritte Pille angefangen und gut die Hälfte abgebissen. Somit waren es jetzt schon 1,5 Pillen in meinem Körper. Zwei hatte ich mir als absolutes Maximum gesetzt. Ich wollte nicht mehr über diesen Wert. Auch beim letzten Mal hatte ich mit den pulvrigen Resten sowie einer Pille und einer Kapsel in Summe ungefähr die Dosis von zwei Pillen verbraucht. Meine Standarddosis schien sich auf 400mg einzupendeln.

Und wieder war der Rausch an sich die eigentliche Dummheit. Gegen vier Uhr hatte ich dann auch den Rest der dritten Pille allein gegessen. Eigentlich hätten wir uns diese teilen sollen, aber in Gedanken war ich zu gierig. Mein Freund saß schon wieder am Tisch und so setzte ich mich zu ihm. Er erzählte mir, dass ihm heut der Club nicht so zusagt und er überlege heimzugehen. Auf meine Frage nach dem Rausch meinte er, dass die Wirkung leicht weg sei und ob ich noch die dritte Pille hätte. Peinlich berührt gab ich zu, dass davon nichts mehr übrig sei. Geschockt blickte er mich an. Daher bot ich ihm eine Kapsel an. Er misstraut diesen noch immer, aber schluckte dennoch eine. Erst danach erkannte ich, dass er bereits seine Jacke dabei hatte und scheinbar wirklich aufbrechen wollte. Aber wieso legt er dann noch nach? Verwundert frage ich ihn was los sei. Er könne jetzt nicht nachlegen und im Rausch nach Hause gehen. Am Ende kann ich ihn überreden noch weiter zu tanzen.

Wenig später in einem Moment der Klarheit greift er aber wieder zu seiner Jacke, welche er am Rand vom DJ Pult abgelegt hatte und verabschiedet sich mit kurzen Worten. Er fragt mich wie lange ich noch bleiben werde. Als ich antworte, dass ich bis zum Ende bleibe, zieht er sichtlich enttäuscht seiner Wege. Ich bin traurig, dass ich ihn nicht zur U-Bahn begleite, aber ich kann jetzt nicht nach Hause. Zwischen 5 und 6 Uhr merke ich dann aber auch, dass meine Glieder schwerer werden. Ich hab bereits gut und gern 8 Becher Wasser getrunken und mein T-Shirt und meine Hose kleben an mir wie eine zweite Haut. Eine Weile tanze ich noch zwischen den anderen. Aber die Menge ist schon deutlich kleiner geworden. Viele sind bereits heim und der Rest versucht noch immer den Beat zu finden. Am Ende ist es eher ein gemütliches Schwanken.

Irgendwann reicht es auch mir und ich breche auf. Draußen ist es wunderbar sonnig und warm. So gehe ich ohne Jacke zur U-Bahn und genieße das Licht. Mir fällt auf wie schweiß gebadet ich bin und wie sehr ich danach rieche. In der U-Bahn setzt sich eine Frau neben mich und ich blicke peinlich berührt aus dem Fenster. Es ist mir unangenehm, dass ich vermutlich wie der letzte Penner stinke. Immer wieder schütze ich meine Augen vor der grellen Sonne, wohl wissend, dass meine Pupillen noch immer weit geöffnet sind. Bereits zuvor hatte ich mich gewundert, dass bei der starken Dosis alle Nebenwirkungen wie Halluzinationen oder das geistige Abdriften ausgeblieben sind. Daheim blicke ich in den Spiegel und wundere mich, dass selbst meine Pupillen schon wieder normal funktionieren. Wie kann das sein? Zwei Pillen und noch dazu Starke! Haben die Dealer die Rezeptur geändert oder reagiert mein Körper einfach anders, wenn zu wenig Zeit dazwischen war?

Jedenfalls gehe ich genau um 7 Uhr schlafen und stehe erst um 14 Uhr auf. Eine leichte Trägheit umfängt mich den Rest des Tages. Keine Depression, sondern eher eine Gemütlichkeit. Ein Gefühl mit dem man gern zu Hause bleibt. Alle anderen Nebenwirkungen sind weitestgehend abwesend. Die Pupillen sind normal. Der Puls war während des Schlafens bei 70 Schlägen und jetzt bei ungefähr 90, also nur leicht erhöht. Meine Zähne tun nicht weh und die Kiefermuskulatur schmerzt ebenfalls nicht. Lediglich das trockene Gefühl im Rachen ist noch deutlich spürbar. Selbst ein gutes Frühstück und Kaffee ändern daran nichts.

Mein Freund meldet sich einige Stunden später. Obwohl er früher heim ist, hat er noch länger geschlafen. Und so setzen wir unsere Unterhaltung fort, welche wir gestern auf dem Weg in den Club bereits begonnen hatten. Wir wollen aussteigen oder zumindest für eine längere Zeit pausieren. Wir vereinbaren uns jeden Freitag gegenseitig daran zu erinnern. Lediglich kommendes Wochenende möchte ich nochmal einmal unterwegs sein. Es ist ein großer Gay-Event angesagt bei dem viele zu sehen sind, die ich über die letzten Wochen kennengelernt habe. Das möchte ich mir nicht entgehen lassen. Eine Woche darauf ist zudem die Euro-Pride in Wien. Natürlich begleitet von unzähligen Events. Aber hier möchte ich dann bereits mit Ecstasy aufhören und höchstens Bier trinken. Ich bin gespannt, ob wir es durchhalten. Ich fühle mich innerlich total wohl, dass mein Kopf mir in einer Klarheit dieses Bild vom Ende vermittelt hat. Ich fühle mich nicht schlecht oder abhängig. Aber es fühlt sich an, als hätte ich genug erlebt. Zeit für was neues oder zumindest Zeit für das normale Leben.

Nachtrag: Natürlich hat diese Illusion nicht gehalten. Zur Pride waren einige Freunde in der Stadt und trotz der Affenhitze hatten wir einem mega schönen Tag. Erst bei lauter Techno-Musik der Parade folgend, um dann im Stadtpark zu chillen. Nach einer Pause und einer ordentlichen Dusche daheim sollte der Abend vorm Rathaus gemütlich ausklingen. In einer größeren Gruppe saßen wir unter den Bäumen und wurden uns nicht einig wohin wir nun gehen wollten. Das Angebot an Parties war einfach zu groß, um nein zu sagen. Am Ende teilte sich die Gruppe und zu viert landeten wir in einem Club, wo ich eher selten anzutreffen bin. Natürlich hatte ich wieder was dabei. Zwei Freunde teilten sich den Inhalt einer Kapsel und lösten das Pulver in einem Glas Wasser auf. Dennoch war der Abend auch für mich ein halber Erfolg, denn wir anderen kamen mit einer deutlich kleineren Dosis durch die Nacht und hatten auch so unseren Spaß.


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