brandnotizen

Ein Blog zwischen künstlerischen Miniaturen und konventionellem Tagebuch von Robert F. Martin ¯\_(⊙‿⊙)_/¯ 📷 Kenji Kawamoto 🆕 #30haikuchallenge

🔰 03/30 "Eile"

Alle setzen sich:
Drei Jahre auf Bewährung.
Alle stehen auf!

🔰 02/30 "Party"

Die Vergangenheit
träumt mit Fußgeruch im Flur -
Back to the Future!

🔰 01/30 "Fröschlein"

Mein Sonnenbänkchen.
Dein Idealismus quakt.
Ich-Erweiterung!

30 ⏱

Mo 02.05.2022

Heute ist der letzte Tag der Challenge, zum Ende wurden mit die Einträge zunehmend egal, was auch daran liegt, dass ich keine festen Zeiten finden konnte, um zu schreiben.

Eine Nachbarin möchte ihren Besuch bei mir im Theater auf die nächste Woche verschieben. Die Vorstellung heute Abend fällt eh aus und ich bin in dem Moment sehr dankbar, dass sie nicht abends vor verschlossenen Türen steht und sich ärgert. "Klar! Kein Problem!" schreibe ich zurück.

Das Serienkonzept ist jetzt abgeschickt. Ich habe ein ungutes Gefühl, weil die Mappe nicht "on point" designt ist, wie ich es mir vorstelle. Aus irgendeinem Grund habe ich das Gefühl, dass man nur versteht, was ich vorhabe, wenn alles "aus einem Guss" ist. Letztlich muss ich es loslassen, weil die Szenografin bereits in Venedig ist und ich mich mit Indesign nicht auskenne. Falls das Serienkonzept auf Gegenliebe stößt (in einem Monat meldet sich der Sender) mache ich mich an die Überarbeitung meiner Homepage, etc. die seit Jahren unaktualisiert auf dem Server liegt. Das Online-Seminar über Vertragsrecht, das ich im Anschluss besuche, ist das Einzige, bei dem ich mir erlaube, die Kamera ausgeschaltet zu lassen und nebenher Büroarbeit zu machen. Ich sage mir, dass dafür noch Zeit sein wird, wenn ich in einer Autoren-Agentur bin ...

Seit ein paar Tagen habe ich wieder Twitter und folge nur noch Leuten, die mich wirklich interessieren und die nicht den ganzen Tag Zeug posten, das mich nervt.

29 💄

So 01.05.2022

Völlig übermüdet kurble ich mich zu guter Laune an. Während der Vorbereitungen zum "Tag im Garten mit Freunden" schreiben und redigieren CL. und ich am Serienkonzept hin und her. C. findet sich damit ab, aber der Schatten des Konflikts von gestern schwebt über mir, während ich das Gemüse für's Grillen schneide.
Als unsere Freunde eintreffen, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil sie einen so langen Weg zu uns gekommen sind und in einigen Stunden wieder fahren müssen. Der "Tag im Garten", löst sich fast im kalten Nieselregen auf. Als C. eine Feuerschale aufstellt und wir uns darum scharen und sprechen, bin ich plötzlich dankbar für jeden schlechten Witz und jedes Gespräch über Urlaub oder Arbeit: Wir alle haben das gleiche implizite Bedürfnis, mit Freunden einen Tag im Garten zu verbringen - und das reicht vielleicht manchmal.

Abends stellt sich in einem Gespräch mit der Szenografin heraus, dass sie eigentlich mit CL. und mir an der Story des Serienkonzepts arbeiten wollte - jetzt ist sie enttäuscht darüber, dass sie nur das Design der Projektmappe macht und ich bin enttäuscht, dass wir es nicht geschafft haben, ein möglichst visuelles Design passend für die zulässige Seitenzahl zu finden. Die Mappe sieht jetzt gut aus, ist aber zwei Seiten zu lang und hat nur drei Bilder. Über das Zusammenspiel von Design und Textkürzung hätte ich mich lieber mit der Szenografin unterhalten, als über die Story. Jetzt ist keiner von uns "schuld", da kaum Zeit für Austausch zwischen uns war, aber ich muss beim nächsten Mal vorab klären, ob die Person 1. Zeit hat und 2. versteht, wozu sie gebeten ist. Ich überlege, ob ich Lust hätte, mit einer Szenografin ein Serienkonzept zu entwickeln. Momentan eher nicht.

28 🏡

Sa 30.04.2022

Heute wollen wir mit dem Fahrrad in den Garten von C.s Großeltern fahren, ein bisschen dort in der Erde buddeln und Sonntag wieder zurück fahren.
Ich sitze aber verbissen von 05:00 bis 08:00 Uhr am Serienkonzept und möchte nicht wahr haben, dass ich längst hätte die Familie wecken und Gepäck für den Urlaub packen sollen.
Das hält mir C. auch für den Rest des Tages vor. Die Stimmung zwischen uns ist sehr sehr schlecht, eiskalt, ich winde mich zwischen dem Wunsch, mit der Familie Zeit zu verbringen und parallel mit CL. über den Trailer und das Design der Projektmappe zu kommunizieren.
Der Weg aus Berlin heraus zieht sich, von einer romantischen Fahrradtour ist nichts zu spüren: F. friert auf dem Kindersitz, C. schweigt eisern und riesige Lastwagen sausen an uns vorbei, während wir über unfertige Fahrradwege holpern.
Im Garten sind wir recht schnell mit der Arbeit fertig, zwischendrin führen C. und ich akademisch-analytische Beziehungsgrabenkämpfe. Es fühlt sich tough an, "auch noch" an dieser Front zu kämpfen, wie in einem schlechten Film. Was mich besonders schockiert, ist C.s Kälte. Sie hat keine Lust mehr, immer wieder darauf zu bestehen, dass ich rigoros unsere Urlaubszeit gegen Termine und Arbeit verteidige. Insgeheim werfe ich C. vor, dass aus ihr noch mehr Idealismus, als tatsächliche Berufserfahrung spricht. Aber das könnte genausogut meine Künstler-Arroganz sein.

Die letzten Nachtschichten am Serienkonzept haben mich müde gemacht. Immer wieder laufe ich zu Omas Keksdose und esse die dicksten und schokoladigsten Kekse heraus! Dazu diverse Riegel und Pralinen. Eine selbstzerstörerische "Augen-zu-und-durch"-Haltung treibt mich wieder bis 03:00 Uhr morgens in das Serienkonzept hinein. Die Szenografin fliegt am Montag nach Venedig, darum muss ich morgen irgendwie parallel mit Freunden grillen, das Serienkonzept Korrektur lesen und mit der Szenografin kommunizieren.
Weil wir so wenig Zeit hatten, uns mit den visuellen Elementen der Mappe zu beschäftigen, kommt es jetzt zu immensen Unstimmigkeiten. Auch hier muss ich schauen, dass ich bei der nächsten Mappe möglichst autonom arbeiten kann. Zwei bis drei Tage für Lektorat und Korrekturen verfallen nun und ich muss mich darauf verlassen, dass CL. alle Fehler findet.
Es ist ein inneres Tauziehen, so fühlt es sich also als Vater an, wenn die Familie unter schlechtem Zeit-Management leidet (Spiegelsatz zu 27)

27 🖼

Fr 29.04.2022

Natürlich schaffe ich das nicht! Heute lasse ich ein Seminar ausfallen, um weiter am Serienkonzept zu fuhrwerken. Ich schaufle große Textblöcke hin und her und versuche, in einer energetischen Videokonferenz die Textarbeit mit CL. abzuschließen - aber meine Co-Autorin ist leider krank oder verkatert, was auch immer, und nach einer kurzen Besprechung vergrabe ich mich für den Rest des Tages in Formulierungen und Qualitätskontrolle.
Bis C. und ich in die Potsdam-Ausstellung gehen, werde ich nicht fertig und nehme mir wieder mal vor, abends weiter zu schreiben. In diesen Tagen zeigt sich, dass ich bestimmte Planungsentscheidungen beim nächsten Mal anders treffen muss. So fühlt es sich also als Projektleiter an, wenn das Team unter schlechtem Zeit-Management leidet. CL. schneidet eine zweite Fassung des Trailers, die ich stumm im Regio nach Potsdam anschauen muss, weil die Beschallung des öffentlichen Raums eine unüberwindbare Hürde für mich geworden ist. Der Trailer gefällt mir viel besser, als der erste Entwurf.
Vor der Ausstellung hören wir eine Stunde lang den salbungsvollen Worten der "Offiziellen" zu. Auffällig: ALLE Frauen, die hier ans Mikrofon treten, haben Witz und Energie, ALLE Männer hingegen haben eine gutväterliche Gemütlichkeit, mit der ich heute nicht viel anfangen kann. Es sind ein paar Kommiliton:innen gekommen, die aber nach der Eröffnung fast genauso schnell wieder weg sind. Ich bin davon enttäuscht, weil ich offizielle Anlässe immer sehr wichtig finde, um sich selber auf die Schulter zu klopfen und emotional mit einem Projekt abzuschließen. Ein ehemaliger Professor ist auch gekommen. Wir unterhalten uns sehr herzlich und ich denke, dass er verbrauchter aussieht, als bei unserem Studienbeginn 2019/20 - pandemiebedingt haben wir uns seitdem nicht mehr gesehen. Ich spüre, dass er einen alten Konflikt mit der Universitätsleitung noch mit sich trägt, über den ich aber an diesem Abend nicht mit ihm sprechen will.
C. und ich kommen mit Bekannten von ihr, sowie dem Regisseur der Video-Installation und seiner Partnerin ins Gespräch. Der Abend verplaudert sich bei Gesprächen über Kunst, Ausbeutung künstlerischer Berufe in Theaterbetrieben und die Strukturen der Filmuniversität. Wir sind alle um die 30 Jahre alt. Der Regisseur hüpft irgendwann zur DJane auf die Bühne, um sich für die Musik zu bedanken. Wir tanzen nicht.

26 😮‍💨

Do 28.04.2022

Bis die Rückmeldungen für das Serienkonzept kommen, lese ich zwei Bücher zuende. Emil Jannings und Tarkowski. Ich notiere kleine Ideenfetzen und habe die Idee, im Mai eine "Haiku-Challenge" auf dem Blog zu schreiben:. mich beruhigt die Vorstellung, eine einzelne Beobachtung so zu beschreiben, dass sie quasi über sich hinaus weist. Dann auch noch mit festgelegter Silbenzahl. Wohltuende Struktur!

Die Rückmeldung von meinem Brother in Crime T. trifft das Serienkonzept mit Wucht: Vieles muss jetzt noch verändert werden, damit mein Kernanliegen, eine Serie für junge Erwachsene mit Aspekten des Film Noir zu mischen, deutlich wird. Ob ich morgen alles schaffe?

25 😮‍💨

Mi 27.04.2022

Morgens sofort wieder Konferenz über das Serienkonzept. CL. schneidet einen Mood-Trailer zusammen und ich schicke die Texte zur Korrektur an zwei Kollegen raus. Viel zu spät!
Ich ärgere mich über die Entscheidung, so lange auf die Arbeit der Szenografin zu warten - eine untätig verstrichene Woche hätte den Texten zu Gute kommen können, jetzt ist mit Stress zu rechnen und visuell sind wir kaum weiter gekommen ...

24 😷

Di 26.04.2022

Die Szenische Lesung fällt wegen eines Corona-Falls aus. Ich sitze in aufgewühlter Leere in meinem Kinosessel zuhause und fühle mich unwirksam. Nachdem allen Beteiligten bescheid gegeben habe, erfahre ich, dass die Veranstalter einen Ersatztermin festgelegt haben, ohne die Beteiligten zu fragen. Ich kann an dem Tag natürlich nicht und schreibe wütende E-Mails. Nach einiger Zeit geben die Veranstalter nach und wir finden einen neuen Termin, zu dem ich von meinem Kinosessel aus meine Kommiliton:innen akquiriere. Ich fühle, dass ich das machen muss, weil sich sonst keiner berufen fühlt. Nebenher ruft mich noch die Dramaturgin der Lesung an und fragt, ob ich nicht eine gefilmte Probe meiner Lesung in meiner Abwesenheit projizieren lassen möchte, damit die Lesung am ursprünglichen Termin statt finden kann. Ich habe soviel Arbeit in diese Lesung investiert, dass ich über diesen Vorschlag laut ins Telefon lache. Humor ist mein Sicherheitsventil!

Dann rufe ich aus meinem Kinosessel die Historikerin an, mit der ich vor zwei Jahren für die Ausstellung (siehe Tag 23) zusammen gearbeitet hatte. Wir schütteln beide den Kopf über die Kommunikationslöcher des Museums. Sie erzählt, dass sie sich gerade in Dresden für ein großes Recherche-Projekt von "alten weißen Männern" ihre Arbeit erklären lassen muss. Wir werden uns immer sympathischer und beschließen, nächste Woche mit den Kindern über das Tempelhofer Feld spazieren zu gehen.

Abends Vorstellung. Energie weniger gut, als gestern, eine Gruppe junger Leute schaut nachdenklich zu uns auf die Bühne. Ich schaue nachdenklich zurück.

22 ❓

So 24.04.2022

Heute war geplant, dass F. und ich unterwegs sind, damit C. sich ausschlafen kann - gestern war sie wieder tanzen. Recht erfolglos wie sich heraus stellt, C. war schon um vier Uhr morgens wieder zuhause.
F. und ich schließen die Schlafzimmertür zu und räumen die Wohnung auf, wir sind leise und schnell.

Wir verbringen den Nachmittag wieder auf der Wiese vor dem Haus. C. und ich sind abends eigentlich verabredet, wollen einen Film schauen. Aber irgendwie fehlt uns die Anziehungskraft. Wahrscheinlich habe ich am Computer gesessen.

Für diesen Abend ist die Erinnerung bereits verschwunden. Ich rekonstruiere diesen Eintrag am 28.04.

23 💪

Mo 25.04.2022

Meine jungen Kolleg:innen aus der Studiengruppe sagen, ich sehe aus, wie ein Mathelehrer. "Ein cooler Mathelehrer", beeilt sich jemand zu ergänzen. Das Vorurteil nagt an mir. Ich stelle mir Fragen über meine Außenwirkung und fühle mich ge-ageismed.

Die Lichteinrichtung für die Lesung läuft sehr gut, ich habe einen genauen Plan und gebe klare Anweisungen. Es macht mir großen Spaß, "Regisseur" zu spielen: Wenn Leute mir und meiner Idee folgen und das womöglich noch gerne! Früher wollte ich niemandem meine Ideen "zumuten". Es gibt aber Leute, die dir gerne folgen, weil es für sie schwer ist, sich selber was auszudenken und durchzuziehen. Wenn du also Regie führst, musst du dir die Krone auch aufsetzen, sonst sind einfach alle frustriert, weil sie sich nirgendwo "einklinken" können.

Mein Lichtkonzept ist opulenter, als das meiner Kolleg:innen - schon richtiges "Theater". Wie wir unsere Lesung präsentieren ist hochindividuell und dem Grad der Vorbildung der Schreibenden überlassen. Das finde ich blöd. Eine Kommilitonin beschwichtigt: "Learning by doing", sagt sie.
Und genau das finde ich so verlogen und verschult. Natürlich lerne ich viel beim knallharten Fehlermachen. Aber als Lernbasis brauche ich am Anfang eine Orientierung, etwas, das ich imitieren kann. Da haben wir es wieder: Handlung als Vorbild (siehe auch: 15 🐍) Mir fällt meine erste Schauspiel-Vita ein, bei der ich Layout und Rubriken 1:1 von der Vita irgendeiner Schauspieler-Homepage übernommen hatte.
Heute kann mir keiner erzählen, dass es besser gewesen wäre, erstmal 5 MB große Worddokumente mit Comic Sans zu verschicken und aus der Ablehnung zu lernen. Was für ein Unsinn und einer Filmuniversität unwürdig.

Zuhause wieder Kopfschütteln: Vor der Pandemie hatten unsere Drehbuch-Studiengruppe für ein Potsdamer Museum Monologe für eine Video-Installation geschrieben. Die Ausstellung wird nun eröffnet und die Einladungs-Mail ist an vielen von uns vorbei gerutscht. Einige Kommiliton:innen und ich sind ohne Gästekarte da. In einem Anfall verzweifelter Egomanie und Unentbehrlichkeitsfantasie rufe ich den Satz, den vor mir schon so viele gerufen haben: "Muss man denn alles selber machen!"

Abends Vorstellung in den Stachelschweinen. Im richtigen Moment packe ich einen Spruch in die Anmoderation, die die 30 Zuschauenden richtig antreibt. Die paar Leute machen eine tolle Stimmung und wir spielen eine Zugabe.
Abends hocke ich mit Essensresten vor dem Laptop und streame die ersten Folgen der letzten "Better Call Saul"-Staffel. Ich gehe viel zu spät ins Bett.

21 🍰

Sa 23.04.2022

Nach einem sehr entspannten Start ins Wochenende bin ich mit mit Frida den ganzen Tag bei einer Kita-Freundin von F., die Eltern geben mir Business-Tipps und empfehlen C. und mir ein gemeinsames Konto, auf das jede:r einen Prozentsatz des verdienten Geldes überweist. Falls C. oder ich einmal exorbitante Gehaltsunterschiede haben, ist das vielleicht eine gute Idee.
Nach einer Abhol-Pizza von nebenan sitzen wir bis 17:00 draußen auf einer Wiese im Hinterhof. Die Kinder spielen und ich spreche mit der jungen Babysitterin und der ehrwürdigen Oma von der Kita-Freundin, die im gleichen Haus im ersten Stock wohnt. Sie trägt einen schwarzen Business-Blazer, den sie auch in der Mittagshitze nicht auszieht. Ich erfahre, dass sie haitianische Diplomatin war und gerade von Ameisen in ihrer Wohnung geplagt wird.

Als ich F. sage, dass wir gehen, "wenn der Kuchen fertig ist", antwortet sie:
"Papa, der Kuchen wird doch NIE fertig."
In dem Satz ist alles drin. Mehr ist heute zu meinem Leben nicht zu sagen.

20 🏩

Fr 22.04.2022

Zu gut gemeint. Waschmaschine piept morgens alle fünf Minuten, weil ich sie zu stark befüllt habe oder Haarbüschel im Sieb hängen oder sonstwas und ich stehe alle fünf Minuten vom Schreibtisch auf und muss auf einen Knopf drücken!

Es nieselt. C. und ich wollten heute in die Marlene-Dietrich-Ausstellung, aber ich sehe plötzlich nicht ein, weshalb wir mit dem Fahrrad durch kalten Nieselregen fahren sollten. Wir gehen also spazieren und essen beim Vietnamesen um die Ecke. Unvorhergesehen unterhalten wir uns fast zwei Stunden. Warum habe ich dieses Date-Gefühl? Weil wir für nach dem Essen zum Vögeln verabredet sind? Richtig verabredet, mit Kalender. Ist ein gutes Gespräch am Ende nicht immer nur ein Vorspiel? Wer sagt denn das?

Ich spreche nachmittags endlich mit dem Studiendekan des Produktions-Jahrgangs. Er unterstützt mich stark bei der Produktionssuche für meine Regie-Übung und ich soll ihm bis Sonntag mittag eine halbe Seite mit allen Infos schreiben. Fantastisch!

Zum Geburtstag eines Kommilitonen sitze ich abends in einer Bar. Zum ersten mal, seit ich ohne Alkohol lebe. Und es macht wirklich Spaß, wobei ich gegen 22:00 nach Hause gehe, ich reagiere grundsätzlich kompromisslos heute. Wenn mir ein Gespräch zu langweilig ist, setze ich mich weg.
Ich trinke zum ersten Mal Gin Tonic mit einem alkoholfreien Gin und bin angenehm vom Geschmack überrascht.

Vor dem Schlafen pople ich noch im Serienkonzept herum, sehr schleppend, jeden Satz lese ich zweimal. Und am Ende fällt mir doch nichts ein.

19 🧳

Do 21.04.2022

Heute ist erste Live-Probe mit meinen Schauspielern in Potsdam. In einem Anflug meiner eigenen Bedeutung kaufe ich auf dem Weg einen Coffee To Go im Plastikbecher und ein Mettbröchen, das ich zum Mittag essen will. Bis zur U-Bahn habe ich fünf Sprachnachrichten an unterschiedliche Leute aufgenommen, es tut gut, ein paar Bälle anzustoßen.

Im vollen Regio nach Potsdam will eine Lehrerin Ordnung schaffen und weist ihre Jugendlichen an, ihre Koffer vor dem Klappsitz mir gegenüber zu stapeln. Wenn der Regio eine scharfe Kurve nimmt, fallen die unsinnig gestapelten Rollkoffer einfach in den Gang und auf meine Füße. Zwei männliche Jugendliche unterhalten sich darüber: Liegt der Koffer jetzt im Weg? Nein, jetzt steht er - also er STEHT im Weg. Das sind auch diejenigen Jugendlichen, die später nicht verstehen, dass die durchsichtige Klapptür des Abteils nicht automatisch aufgeht, sondern aufgedrückt werden muss. Pubertät muss etwas sehr Schreckliches sein, die ganze Welt ergibt plötzlich keinen Sinn mehr, der klobige Körper ist wie abgeschnitten von der Wirklichkeit.

In der Uni lasse ich mir die gute Laune nicht von einem alten Farbdrucker verderben, der meinen 64 GB USB Stick nicht erkennt, von dem ich die Texte für die Schauspieler drucken will. Zu spät aber motiviert beginnen wir die Probe. Meine Theatererfahrung führt die Probe sehr zufrieden stellend. Es bleibt eine gewisse Sorge darüber, ob das Publikum der komplexen Sprache der Hauptfigur folgen wird.
Darüber spreche ich auch im Anschluss an die Probe mit D., dem Komponisten der Lesung. D. forscht gerade an einer Möglichkeit, Töne aus Pflanzen zu generieren, die deren Blätter man unterschiedlich stark drückt. Ich fühle mich unter solchen Künstler-Naturen am Wohlsten.
Dann noch in der Mensa in der Schlange mit dem neuen Professor für Stoffentwicklung gesprochen. Er ist Tscheche und ich möchte unbedingt, dass er mir bei der Entwicklung für den Film hilft, den ich nach meiner Regie-Übung mit der tschechischen Botschaft machen möchte. Ich zeige ihm Bilder am Handy und er hat Lust darauf.

Zufällig treffe ich meine Sound Designer für's Hörspiel. A. erzählt mir, dass es ein Sound Design Seminar an der Uni gibt, in dem am Ende andere Studiengänge Projekte vorstellen dürfen, für die sie noch Sound-Unterstützung suchen. Warum macht mich das so wütend? Weil Informationen an der Uni kursieren, die für viele Menschen relevant sind, aber strukturell völlig untergehen. Ich habe oft das alte "Schwimm"-Gefühl aus der filmArche wieder.

Abends schaue ich mit einem Nachbarn SQUID GAME zuende und esse Tiefkühlpizza. Wir fangen relativ spät an, weil der Nachbarn abwechselnd bei einem seiner Kinder Einschlafhilfe leistet. Weil ich damit nichts zu tun habe, genieße ich die stummen Zwischenräume auf dem Sofa.

18 ⛰

Mi 20.04.2022

Mit meiner Serien-Co-Autorin Cl. treffe ich mich morgens vor dem Haus unter Kirschblüten. Wir lassen uns von meiner Freundin für die Projektmappe fotografieren. Meine Freundin gibt negative Anweisungen "Das Kinn nicht so schief", was dazu führt, dass ich mich immer weniger gerne fotografieren lasse. Ich erinnere mich an die entspannte Atmosphäre bei einem Portrait-Fotografen vor ein paar Jahren. Der Mann hatte die ganze Zeit aktiv mit mir geflirtet und quasi nebenbei die Fotos gemacht - ein himmelweiter Unterschied!

Danach schreiben Cl. und ich weiter am Serienkonzept. Vor allem die "DNA-Texte" (Visuelle Mittel, Künstlerische Absicht) kommen mir plötzlich gestelzt und staubtrocken vor.

Als ich mit F. nach der Kita eine Packung frischen Kaffee aus dem Kaffeespezialitäten-Laden um die Ecke holen will, lehnt die Klapptafel neben der Tür. Das Licht Innen ist an und ein Closed-Schild hängt in der Scheibe. Ein hipper Mann spricht mich auf Englisch an: Er ist genau ratlos wie ich und gemeinsam treten wir - wie Koffein-Junkies - für ein paar Minuten vor dem Kaffee-Laden auf der Stelle, während F. sich davor auf die Treppe setzt und Sand aus ihren Schuhen schüttelt. Dann gehen wir weiter.

Ich werde bis nachts mit der Überarbeitung der DNA-Texte nicht fertig, immer wieder klettere ich ein paar Absätze auf den Konzeptionsberg, aber rutsche dann wieder an den Anfang der Seite zurück. Kurz vor Mitternacht vertage die Arbeit und hole drei überfällige Tagebucheinträge nach. Überall Nachrichten, Mails und Termine. Ping. Ping. Ping. Mir fällt wieder der Satz ein, den meine Freundin gerne sagt: Perfekt ist eine Vergangenheitsform.